Verfassungswidrige Urnenwahl

Was, wenn die Urnenwahl nicht nachvollziehbar wäre? Dieser Blog ist nicht 100% ernst gemeint, sollte aber doch zum Nachdenken anregen. Früher oder später wird es ernst werden.

Geheime und nachvollziehbare Online-Abstimmung

Gleichzeitig geheime und nachvollziehbare Online-Abstimmungen sind nicht möglich. Da besteht weitestgehend Konsens. Vor allem wenn das das Kriterium des Bundesverfassungsgerichts in seinem Wahlcomputer-Urteil anwendet, dass Nachvollziehbarkeit nur gegeben ist, wenn alle relevanten Schritte bei der Abstimmung auch durch Laien einfach geprüft werden können.

Eine Wahl oder Abstimmung mittels Urnenwahl ist geheim und nachvollziehbar umsetzbar, da der Vorgang auf einfachen physikalischen Gesetzmäßigkeiten beruht und damit von jedem halbwegs intelligenten Menschen verstanden und vor Ort überprüft werden kann.

Jedet, het das möchte, kann eine Wahlhandlung in einem Wahllokal vom Anfang bis zum Ende beobachten. Mensch sieht, wie eine leere Wahlurne versiegelt wird, wie einzelne Wahlzettel durch Wahlberechtigte durch einen Schlitz eingeworfen werden, wie die Urne am Ende geöffnet und nur die darin enthaltenen Stimmzettel gezählt werden.

Eine Manipulation ist somit unmöglich, wenn mensch  darauf achtet, dass sich David Copperfield, James Randi und Uri Geller nicht in der Nähe aufhalten.

Was wäre aber, wenn diese Prämisse nicht mehr gegeben wäre?

Exkurs: Der göttliche Finger im Spiel

Hinweis: Dieser Textabschnitt ist sehr trollig und nicht ganz ernst gemeint. Wer schneller zum eigentlichen Argument vorstoßen will oder wessen religiöse Gefühle leicht verletzt werden, möge zur nächsten Überschrift springen.

Wer an Götter glaubt, für het müsste die Prämisse jetzt schon nicht mehr gegeben sein. Eine Göttin, die Wasser in Wein verwandeln, Tote auferwecken, Blinde heilen und Marienstatuen Blut weinen lassen kann, ist sicher auch dazu in der Lage, Markierungen auf Stimmzetteln in einer verschlossenen Wahlurne auszutauschen.

Der Gott der Abrahamitischen Religionen hatte in deren heiligen Schriften und der sonstigen Erzählungen auch keine Skrupel, mittels Wundern in die aktuelle Politik der jeweiligen Zeit einzugreifen. So soll der christliche Gott bewusst in Konstantins Schlacht an der Milvischen Brücke eingegriffen haben, um die Position des Christentums im römischen Reich zu stärken. Eine Göttin, die in Schlachten eingrifft, dürfte keine Skrupel haben, ein paar Stimmzettel heimlich zu vertauschen.

Der technische Finger im Spiel

Aber auch wenn mensch die Möglichkeit eines göttlichen Eingreifens außen vor lässt, werden durch den weitere technischen Fortschritt schon in wenigen Jahren oder Jahrzehnten Möglichkeiten existieren, beschriftete Stimmzettel so zu manipulieren, dass dies mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist.

Möglicherweise wird es Naniten-Miniroboter geben, die von Menschen unbemerkt Stimmmarkierungen auf Stimmzetteln in der Urne ausradieren und neu setzen können. Möglicherweise entwickeln wir das Beamen, das es ermöglicht, gleich alle Stimmzettel in der Urne auszutauschen.

Stehen solche Techniken zur Verfügung, wird mensch sicherlich technologische Gegenmaßnahmen ergreifen können, um zu versuchen, Manipulationen zu verhindern oder aufzudecken. Diese werden dann aber nicht mehr die Anforderung des Bundesverfassungsgerichts erfüllen, dass sie jederzeit einfach durch Laien überprüfbar sind.

Dilemma

Wir wären dann auch bei Urnenwahl dort, wo wir heute bei elektronischen Abstimmungen stehen. Eine gleichzeitig geheime und für Laien nachvollziehbare Wahl wäre dann nicht mehr möglich.

Welchen Weg würde die Gesellschaft wählen, um aus dem Dilemma heraus zu kommen? Werden wir dann auf die Kontrolle durch Experten vertrauen, die Manipulationen mit technischen Mitteln entgegen wirken werden? Oder werden wir die Geheimheit der Abstimmung für eine sichere Nachvollziehbarkeit aufgeben?

NSK Citizens’ Congress – Closing Document Proposal by NineBerry

In October 2010, I participated as a citizen delegate in the First NSK Citizens’ Congress in Berlin. The following is a proposal text for a closing document that I had prepared on the next-to-last night of the congress. The closing document agreed upon by all delegates can be found on the NSK Times Website. This is my version:

NSK state as a state in time, without territory, exists eternally, without beginning or end. As a state that is based on the domination of art over politics, it manifests itself there where NSK citizens work together to artistically express NSK tradition and ideology.

It was in the early 1980ies when brave pioneers and heroes, guided by the Immanent Consistent Spirit, came together to create the NSK organization, to be the first to explore NSK ideology and thereby be the first to manifest the NSK state.

While a strict and authoritarian rule was necessary during the first difficult years of manifestation, NSK state has grown strong and stable enough, so that it is now time for all citizens, never forgetting the great efforts of the pioneers, to take control of the state’s organization.

The First Citizen Congress declares the NSK state to henceforth be organized in the form of a democracy in the absolute sense of the term: In the spirit of equal representation the legislative and governing body of the NSK state will be the totality of all citizens, when they speak with one voice.

The NSK organization will remain as a part of the NSK state and fulfill the duty to execute the decisions of the NSK citizenry and to publically represent the NSK state. The NSK organization is free to organize its inner affairs according to its own regulations.

Enlightened by the wisdom of the Immanent Consistent Spirit, the NSK state recognizes that all, women and men alike, are not created equal, but each endowed with their own abilities, interests and personalities. The NSK state will therefore not dictate its citizens how to express their citizenship. Instead, all citizens are encouraged to manifest the NSK state by forming their own bonds and projects within and outside the NSK state. In this context, they are free to find their own way of propagating and developing NSK tradition and ideology, as long as they don’t violate NSK core principles.

To facilitate bonding and cooperation between citizens, the First NSK Citizen Congress calls on the NSK organization and all NSK citizens to collaborate in order to create platforms and spaces where NSK citizens can meet and interact.

When, at this point in time, we as NSK citizens look at our common state, we can see in one direction a glorious past and in the other direction the promise of a golden future.

Dissen

Es gibt einige Sozialwissenschaftler, die sich damit beschäftigen, wie Gesellschaften künstliche Rollenbilder entwickeln, Menschen anhand dieser Rollenbilder in Gruppen einteilen und dies dann zur Ausbildung von Macht- und Herrschaftsstrukturen und Ausgrenzung führt. Ziel dieser Betrachtungen ist es eben auch, diese künstlichen Rollenbilder zu zerstören und so Herrschaftsstrukturen in Gesellschaften aufzubrechen.

Nun gibt es einige Gruppen, die diese Ideen und dieses Vorgehen aufgreifen, aber vollkommen unreflektiert mit diesen Ideen loslaufen und etwas vollkommen neues daraus machen, das künstliche Rollenbilder nicht zerstört, sondern noch verstärkt. Außerdem werden durch eine großzügige Einteilung von Menschen in Opfer- und Tätergruppen aufgrund weit gefasster Merkmale Menschen von der Arbeit gegen Diskriminierung ausgegrenzt.

Nur Betroffene dürfen reden

So war heute Morgen auf der Mailingliste der Bundestagswahlkandidaten der Piratenpartei [DE-Kandidaten-Wahlen13] zu lesen:

Wenn es aber um so spezifische Sachen wie z. B. Homosexualität geht, kann ein Hetero nicht mitreden, das ist einfach Fakt. Es ist (um mal ein Bild, dass ich vor einiger Zeit entwickelt habe nocheinmal zu bemühen) wie wenn Ich (als Mann) Dir (als Frau) einen Vortrag über “Die Probleme einer Frau bei der Menstruation” halte.

[...]

Wer z. B. noch niemals beim traditionellen und allzeit beliebten allwöchentlichen Schwulenklatschen von der Landjugend durch die Stadt gejagt wurde, wird nicht verstehen, wo hier das Problem ist bzw gar nicht wissen das hier ein Problem ist. Wer nach solch einer Aktion noch niemals auf der Polizeiwache war und nicht miterlebt hat, dass man dort eher ausgelacht den ernstgenommen wird, weiß nicht, dass hier ein Problem liegt.

So eine Aussage ist erst einmal ein Schlag ins Gesicht für die Leute, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte, ohne selbst homosexuell zu sein, für die Rechte von Lesben und Schwulen eingesetzt haben. Generell ist es für mich ohne Probleme nachvollziehbar, dass sich Menschen für Gleichberechtigung und gegen Ausgrenzung einsetzen, ohne konkret von der jeweiligen Form von Ausgrenzung betroffen zu sein. Zum einen können Menschen Ausgrenzung und verwandte Mechanismen ja auch in Bezug auf andere Merkmale persönlich erlebt haben, zum zweiten können sie Ausgrenzung bei anderen Menschen miterlebt haben und zum dritten ist eine ausgeprägte Empathie (also die Fähigkeit, sich in die Situation anderer Menschen hineindenken zu können) eine der wesentlichen Merkmale der Gattung Mensch.

Ich selbst als schwuler Mann habe (soweit ich mich erinnern kann) noch nie persönlich von irgendjemandem wegen meiner sexuellen Orientierung Gewalt angedroht bekommen. Auch in Bezug auf die Polizei und meine sexuelle Orientierung habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Ich weiß natürlich trotzdem, dass es Probleme gibt und dass diese angegangen werden müssen. Nur müsste ich für dieses Problembewusstsein nicht selbst schwul sein.

Weiße heterosexuelle Männer ohne Behinderung

Auch heute schreibt jemand auf der Baden-Württemberger Hauptmailingliste der Piratenpartei:

In dem Postulat, das Menschen, die „weiß, nicht-behindert, heterosexuell“ sind, diskriminiert werden könnten steckt schon die Abwertung der Täglichen Diskriminierungserfahrungen von Menschen mit Behinderungen, Queer, PoC, Frauen zu Gunsten eine Phantom Diskriminierung.

[...]

Indem sie so tut, als wäre die Möglichkeit vorhanden, das die Täter zu Opfer werden entwertet sie die Realen Erfahrungen der Opfer.

Ähnliche Argumentation findet mensch in noch stärkerer Form immer häufiger an verschiedenen Stellen. Da werden Menschen pauschal aufgrund einiger Merkmale in die Gruppen “Täter” und “Opfer” einsortiert. Den “Tätern” wird dann abgesprochen, überhaupt selbst Opfer von Ausgrenzung werden zu können.

Das Prinzip der Ausgrenzung von Menschen, die als anders wahrgenommen werden, ist aber ein allgemeines Phänomen bei Menschengruppen. Ob jemand in einer Gruppe zu den Ausgrenzern oder den Ausgegrenzten gehört, hängt dabei wesentlich von den historisch gewachsenen Rollenbildern in dieser Gruppe (und häufig schlicht den Mehrheitsverhältnissen) ab. So könnte das gleiche Mensch mit den gleichen Merkmalen in einem gesellschaftlichen Kontext ein Ausgrenzer sein, in einem anderen Kontext aber zu den Ausgegrenzten gehören. In der Praxis bewegen sich Menschen immer in verschiedenen Gruppen gleichzeitig. Und so ist es in der Praxis so, dass viele Menschen, die als Minderheit in einer größeren Gruppe ausgegrenzt werden, in einer kleinere Gruppe, in der sie sich gleichzeitig bewegen, selbst als Ausgrenzer auftreten. (Und umgekehrt).

Je größer die Gruppe, desto stärker wirkt sich Ausgrenzung aus, weil ein Ausweichen schwieriger wird. Trotzdem muss man auch die Formen von Ausgrenzung im Kleinen berücksichtigen. Unmenschlich ist es, den Menschen, die Ausgrenzung tatsächlich am eigenen Leib spüren, diese eigene Erfahrung abzusprechen, nur weil ihre Erfahrungen nicht Teil eines gesamtgesellschaftlichen Mechanismus sind.

Jetzt wird es kompliziert, mensch läuft jetzt nämlich in eine Falle. Was jetzt nicht passieren darf, ist dass die verschiedenen real existierenden Vorkommen von Diskriminierung gegeneinander ausgespielt und dazu verwendet werden, andere zu relativieren.

Beliebt bei Personen, die Ausgrenzung gegen bestimmte Gruppen als akzeptabel propagieren wollen, ist es nämlich, dann auf Ausgrenzung, die von jener Gruppe selbst (tatsächlich oder vermeintlich) ausgeht, hinzuweisen und dies dann als Rechtfertigung für die eigene Ausgrenzung zu verwenden.

So kommt in Gruppen aus mehrheitlich Personen mit Migrationshintergrund Ausgrenzung gegen Menschen ohne Migrationshintergrund oder einem abweichenden Migrationshintergrund vor. Personen, die vor Ort mit diesen Gruppen zusammenarbeiten (z.B. Lehrer oder Sozialarbeiter an Schulen) müssen darauf entsprechend reagieren und dagegen arbeiten. Es macht auch Sinn, dies innerhalb von Migrantencommunities anzusprechen und dagegen vorzugehen. Nur hat dies keine Relevanz, wenn man über die Situation von Migranten in Deutschland insgesamt redet. In einer solchen Diskussion plötzlich über Diskriminierung in einem anderen Rahmen zu sprechen, dient alleine der Relativierung und Rechtfertigung von Ausgrenzung.

Zukunft des Buchmarktes

Einige Anmerkungen zum Artikel in der Stuttgarter Zeitung:

In dem Artikel werden schon viele wichtige Aspekte angesprochen.

Einer ist: Im Netz gilt bei Massenware die Formel “Je günstiger etwas ist, desto mehr kann man damit verdienen”. Niedrige Preise für eBooks, vor allem für solche, die eigentlich schon finanziert sind, werden deren Verkaufszahlen und damit auch die Gewinne erhöhen und können ein Ausweichen auf den Filesharing-Markt verhindern. Der Filesharing-Markt muss dann nicht als Gefahr gesehen werden, da sich dort dann nur noch Leute mit knappen Finanzen bedienen, an denen sowieso nichts verdient werden kann.

Der zweite wichtige Punkt, der angesprochen wird, ist die Angebotsbreite. Wenn man das, was man möchte, nicht kaufen kann, kauft man es auch nicht und schaut sich dann eben nach Alternativen um.

Ich besitze z.B. bereits als Buch die Romane der Caoba-Reihe von B. Traven. Ich wollte die jetzt auch auf meinem Kindle lesen. Ich wäre bereit gewesen, einige EURO für jedes Buch zu bezahlen, obwohl ich sie ja schon in Toter-Baum-Form besitze. Gibt es aber nicht zu kaufen. Also habe ich sie mir eben anderswo besorgt und weder Verlage noch (Erben des) Autor haben etwas daran verdient.

Interessant dabei ist, dass auch bei den Toter-Baum-Versionen der Bücher Verlag und Autor nichts verdient haben. Die hatte ich mir nämlich damals gebraucht gekauft, damals auch, weil es sie nicht offiziell zu kaufen gab (und auch aktuell nicht gibt).

Was in den letzten Jahren im Bereich der gebrauchten Bücher passiert ist, ist eine deutliche Warnung an die Verlage bezüglich dem, was mit eBooks passieren kann. Amazon hatte Amazon Marketplace eingeführt, bei dem auf der gleichen Plattform neue Bücher und gebrauchte Bücher angeboten werden. Mir ist es damals so gegangen (und andere haben mir ähnliches berichtet): Nachdem ich regelmäßig mangels des Angebots neuer Bücher die gebrauchte Variante gekauft hatte und gemerkt hatte, dass es dabei keine merklichen Nachteile gab, fing ich an, Bücher gebraucht zu kaufen, auch wenn es das Buch neu vom Verlag auf Lager gab. Ich habe meine gelesenen Bücher und die so gekauften Bücher dann auch selbst wieder über Amazon Marketplace verkauft.

Fast jeder ist so glücklich: Leser bekommen schnell, bequem und günstig die Bücher, die sie wollen. Leser können Bücher, die sie nicht mehr aufheben wollen, einfach und bequem weiterverkaufen. Die Antiquariate haben sich neue Einkünfte erschlossen. Und Amazon und die deutsche Post verdienen sich goldene Nasen.
Nur die Verlage und Autoren gehen leer aus.

Etwas ähnliches ist zu befürchten, wenn die Nachfrage nach eBooks weiter steigt und es die nachgefragten Bücher nur auf dem Filesharing-Markt in digitaler Form gibt. Deswegen müssen die Verlage jetzt richtig viel Geld investieren, möglichst viele Veröffentlichungen digital anzubieten. Dabei muss es das Interesse der großen Verlage sein, dass auch Nicht-Blockbuster schnell digital verfügbar sind, weil potenzielle Kunden sonst vollständig auf den Filesharing-Markt abwandern. Ich fände es durchaus nicht abwegig, wenn sich die Verlage jetzt zusammen tun, um gemeinsam die Entwicklung freier Software für alle Verlage zu finanzieren, die beim Erstellen von eBooks aus bestehenden Satzdaten hilft. Jeder Verlag profitiert davon, wenn auch seine Konkurrenz möglichst viele Titel möglichst schnell als eBook anbieten kann.

Wollen die Verlage / Autoren nicht zu viel Geld an Amazon verlieren, müssen sie möglichst schnell eine eigene Alternative schaffen. D.h. sie brauchen ein eigenes Portal für eBooks und eine eigene Linie von eBook-Readern, die perfekt mit diesem Portal verknüpft sind. Technisch / vom Bedienkomfort darf man dabei nicht hinter Amazon zurückfallen. Wichtig ist auch, dass es eben genau ein Portal gibt, bei dem man alle Bücher bekommt. Es müssen sich also von Anfang an möglichst viele Verlage beteiligen und die Plattform muss offen für alle (auch private) Anbieter sein.

(Jetzt mal alle Aluhüte weghören…^^) So eine Plattform sollte auch Social Networking Aspekte eingebaut haben. Das heißt, ich muss optional die Möglichkeit haben, meine gekauften eBooks (oder Teile davon) der Öffentlichkeit oder Gruppen von Freunden zugänglich zu machen. Es muss einen Mechanismus geben, Bücher weiter zu empfehlen. Eine gute Idee wären entsprechende Rabattsysteme: Wenn ich einem Freund ein Buch empfehle und der kauft es, bekommt er es einen Euro günstiger und ich einen Euro Einkaufsgutschein gutgeschrieben. (Da ist dann die Buchpreisbinding im Weg, die in Zeiten von eBooks echt keinen Sinn mehr macht)

Was im Artikel nicht genannt wird ist die Möglichkeit des Crowd Funding. Das Modell Crowd Funding funktioniert bei Büchern sicherlich recht gut. So ein Mechanismus könnte in ein gemeinsames Portal der Verlage sicher gut eingebaut werden.

Der Hype

Die Piratenpartei hat in den letzten 12 Monaten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus in Berlin einen Hype erlebt. Einen Hype zeichnet aus, dass eine Sache plötzlich von vielen Menschen begeht wird, weil jeder in der Öffentlichkeit darüber redet, dass alle diese Sache plötzlich toll finden. Einen Hype zeichnet auch aus, dass er relativ schnell wieder endet, und die meisten Leute dann kein Interesse mehr an der Sache haben.

Wir müssen uns eingestehen, dass dies im letzten Jahr mit der Piratenpartei passiert ist. Die hohen Umfragewerte und die guten Wahlergebnisse bei den Landtagswahlen waren das Ergebnis dieses Hypes. Viele Leuten haben uns nur gewählt (oder gesagt, sie würden uns wählen), weil wir neu und anders waren, weil wir in den Medienberichten die Aura des Erfolges ausstrahlten, weil es eben Mode war, Piraten gut zu finden.

Inzwischen ist der Hype zu Ende, sind wir wieder “aus der Mode”, deswegen sinken die Umfragewerte. Ich hab das so schon Anfang des Jahres vorhergesagt, z.B. im Podcast mit dem Humanistischen Pressedienst.

Dass die Umfragewerte fallen ist das Ergebnis des Endes des Hypes. Sie waren vorher unrealistisch hoch, beinhalteten viele Menschen, die sich nie mit dem Programm der Piratenpartei beschäftigt hatten, die sich eben einfach dem Hype hingaben.

Lächerlich und kontraproduktiv ist es, jetzt nach Schuldigen für das Sinken der Umfragewerte zu suchen. Niemand ist für die sinkenden Werte verantwortlich. So ein Hype dauert eben nur kurz. Irgendwann läuft er von selbst aus. Das ist ein Naturgesetz.

Was nun?

Der erste wichtigte Punkt ist: Lasst euch jetzt nicht in eine Depression treiben. So ein Hype kann wie ein Aufputschmittel wirken. Es macht sehr schnell glücklich und munter. Aber wenn die Wirkung nachlässt, fühlt man sich schlechter als vorher. Blendet das letzte Jahr einfach aus. Es war nicht mehr als ein Traum im Drogenrausch der Wahlumfragen und Wahlsiege. Die sinkenden Umfragewerte sind keine Katastrophe und nicht das Ende für die Piratenpartei, denn sie werden nicht so tief sinken, wie sie vor einem Jahr noch lagen.

Zweitens: Wir haben jetzt eine gute Ausgangslage, um mehr nachhaltige ernsthafte Wähler zu gewinnen. Wir haben jetzt schon sicherlich eine größere Menge Stammwähler, die sich inhaltlich mit uns identifizieren können, als vor dem Hype. Und wir haben die Aufmerksamkeit der Medien. Und wir haben Abgeordnete in Landesparlamenten. Und wir haben Abgeordnete in kommunalen Gremien. Darauf kann man aufbauen. Jetzt gilt es, besonders stark um unsere politischen Positionen zu werben. Damit zu überzeugen und mehr und mehr Anhänger zu finden, die uns tatsächlich wegen unserer inhaltlichen Positionen gut finden.

Drittens eine Erinnerung an unsere Abgeordneten (einige haben diese nötiger als andere): Zeigt etwas mehr Demut. Seid euch dessen bewusst, dass ihr nur wegen des Hypes im Parlament sitzt. Ihr wurdet nicht gewählt, weil ihr ihr seid. Eure Wahl durch die Bürger ist nicht das Ergebnis irgendwelcher toller Leistungen, die ihr vorher schon mal erbracht habt. Auch eure Aufstellung durch die Partei müsst ihr als Vertrauensvorschuss betrachten. Als die Berliner Liste aufgestellt wurde, wusste niemand, dass man 15 Abgeordnete entsenden würde. Bei den anderen Landeslisten wurden teilweise Leute im Hauruck-Verfahren gewählt, obwohl man sie nicht so gut kannte. Also: Ihr tragt jetzt eine große Verantwortung, die Demut fordert. Ihr müsst jetzt die Themen der Piratenpartei in die Öffentlichkeit tragen.

Es ist eine Menge Arbeit und Anstrengung erforderlich, damit wir im Januar in Niedersachsen und im September im Bund die 5%-Hürde schaffen. Aber so ein Erfolg, der auf Anstrengung basiert, auf dem Wissen, dass die Menschen inhaltlich hinter einem stehen, macht auch sehr viel zufriedener als ein Erfolg als Ergebnis eines kurzfristigen Hypes.

Klick mich

Etwas zum Buch “Klick mich” von Julia Schramm, über das ja gerade intensiv diskutiert wird.

Mate predigen, aber Cola saufen

Die Welt ist voller Probleme und Ungerechtigkeiten. Es gibt nun allgemein zwei Strategien, diese Probleme und Ungerechtigkeiten zu lindern oder zu beheben: Erstens durch persönliches Handeln und zweitens durch staatliche Regulierung.

Probleme und Ungerechtigkeiten durch persönliches Handeln lösen zu wollen, ist ein sehr hehres Ziel, es erfordert sehr viel Anstrengung und belohnt einen dafür mit einem guten Gewissen, das bei näherem Betrachten aber oft Selbstbetrug ist.

Ein Lieblingssport der Deutschen ist ja das Mülltrennen. Glasflaschen zu sammeln und zum Glascontainer zu bringen oder eine getrennte Sammlung von Papiermüll machen durchaus bis zu einem gewissen Grade Sinn. Aber alles, was darüber hinausgeht, bis hin zum Ausspülen von Joghurtbechern, ist oftmals gut gemeint, aber im Ergebnis wenig sinnvoll oder teilweise sogar schädlich.

Wollte man sein eigenes Verhalten so ändern, dass man möglichst keine Probleme oder Ungerechtigkeiten verstärkt, wäre das alleine ein Vollzeitjob. Zu komplex ist die Welt und zu vielfältig sind die Probleme der Welt. Von vielen Problemen und Ungerechtigkeiten wissen die meisten Menschen noch nicht einmal, wie sollten sie sie also durch persönliches Handeln vermeiden können?

Demgegenüber steht die staatliche Regulierung, die dazu in der Lage ist, ein Problem mit allen relevanten Aspekten zu betrachten und es konsequent und effizient anzugehen. Wenn der Staat Emissionshöchstwerte für Industrieanlagen festlegt, wirkt das eben besser, als wenn sich Millionen Verbraucher dauerhaft bei jeder Kaufentscheidung vorher darüber informieren müssen, ob der Hersteller eines Produkts vielleicht irgendwo die Umwelt vergiftet.

Auch von einem Politiker (z.B. einem Funktionär oder Mandatsträger der Piratenpartei) kann man nicht verlangen, alle vertretenen Forderungen (solange es nicht um die Art des Politikmachens an sich geht, das ist etwas anderes) auch im eigenen persönlichen Leben voll umzusetzen, vor allem wenn er dort auf die Schranken des Status Quo trifft.

Die meisten Piratenpolitiker (sofern sie noch keine Abgeordneten sind), sind in Berufen tätig, wo sie direkt oder indirekt Aktionen unterstützen müssen, die Programm und/oder Geist der Piratenpartei widersprechen. Solange dabei die geltenden Gesetze nicht gebrochen werden und nichts passiert, was im Rahmen der jeweiligen Tätigkeit unüblich wäre, sehe ich da auch kein Problem.

Beispiele sind Polizeibeamte, die Drogenkonsum verfolgen müssen, auch wenn sie hinter unserem suchtpolitischen Programm stehen,  Programmierer, die Code für DRM, Kopierschutz oder Scoring schreiben, Musiker/Verleger, die gegen die GEMA kämpfen und trotzdem Mitglieder bei ihr sein müssen, damit ihnen wichtige Einnahmen nicht entgehen, usw..

Oder eben Autorinnen, die einen Vertrag mit einem Buchverlag schließen. Will ein Autor mit einem Buch Geld verdienen und braucht die Unterstützung, die ihm ein Verlag bei seiner Arbeit bietet, bleiben ihm heute in der Tat relativ wenige Alternativen. Selbst Paulo Coelho unterschreibt entsprechende Verträge mit Verlagen (auch Random House), die dann versuchen, die illegale Verbreitung seiner Werke zu unterbinden, die er selbst privat vorantreibt.

Ein Sturm im Wasserglas

Was ist nun genau mit Julias Buch passiert? Jemand unbekanntes hat eine eigene Webseite erstellt, dort auf eine Kopie des E-Books von “Klick mich” bei Dropbox verlinkt und diese Webseite in die sozialen Medien gekippt. Innerhalb weniger Stunden war der Link bei Dropbox gesperrt, was niemanden verwundern dürfte, ist das öffentliche Verbreiten geschützter Werke ja nicht das Geschäftsmodell von Dropbox. Jeder mit einigen Kenntnissen beim Thema Filesharing wusste, dass der Link relativ schnell gesperrt werden würde. Meiner Meinung nach wurde genau dies durch den Ersteller der Webseite auch gewünscht. Wer das nun war und was damit bezweckt werden sollte, darüber kann man nur spekulieren.

Der entscheidende Punkt, den Piraten eigentlich wissen sollten: Da Privatkopien im Netz heute noch illegal sind, ist Dropbox keine geeignete Plattform, um geschützte Werke zu verbreiten. Dafür gibt es andere geeignete Plattformen. Und tatsächlich konnte ich heute morgen im Selbstexperiment innerhalb von weniger als fünf Minuten eine Kopie des eBooks von “Klick mich” über The Pirate Bay herunterladen.

Dass ein Link auf die Datei bei Dropbox (der genau zu diesem Zweck überhaupt veröffentlicht wurde) gesperrt wurde, ist also relativ unbedeutend, da die für solche Zwecke etablierten Plattformen davon völlig unberührt bleiben.

Weder ihr Verlag noch Julia selbst (wenn sie das denn wollte) könnten verhindern, dass ihr Buch über Bittorrent-Netze geteilt wird. Und dafür zu sorgen, dass genau dies sich nicht ändert, dass dezentrale Tauschplattformen im Netz weiter existieren können und dem Zugriff der Rechteinhaber entzogen bleiben, vielleicht sogar mal vollständig legal werden, das ist eine wichtige Aufgabe der weltweiten Piratenparteien. Piraten-Politiker müssen sich genau dafür einsetzen. Ob sie dabei nebenbei Bücher über traditionelle Verlage veröffentlichen oder nicht, ist irrelevant.

Vorstellung Kandidatur zur Landesliste

Meine Vorstellung bei der Aufstellung der Landesliste zur Bundestagswahl am 15.09.2012 in Wernau:

Hallo, ich bin NineBerry, mit bürgerlichem Namen Christian Schwarz. Ich komme aus Karlsruhe und möchte für die Piraten in den Bundestag. Auf meinem Blog unter http://www.neunbeere.de/blog/2012/09/kandidatur-landesliste/ findet ihr einen längeren Text zu dieser Bewerbung. Jetzt nur etwas kurzes dazu, wo ich die Piratenpartei sehe.

Es heißt, eine Idee, deren Zeit gekommen ist, kann niemand aufhalten. Die Luft schwirrt aktuell gerade nur so von Ideen, deren Zeit gekommen ist, und die darauf warten, umgesetzt zu werden.

Da ist die Idee, dass Informationen niemandem gehören können, es also kein geistiges Eigentum gibt. Dass Informationen umso wertvoller werden, je mehr Menschen Zugriff darauf haben. Dass man mit Inhalten auch Geld verdienen kann, ohne privates Kopieren zu verhindern. Dass wir also eine Reform unseres Urheberrechtssystems brauchen.

Da ist die Idee, dass Politik mehr Mitbestimmung braucht. Dass deswegen Informationen aus Regierungen, Parlamenten und Verwaltungen öffentlich sein müssen, um jedem zu ermöglichen, sich an politischen Prozessen zu beteiligen. Dass das Volk häufiger gefragt und dann auch gehört wird.

Da ist die Idee eines neuen Sozialsystems, das die Bedürfnisse von Wissensarbeitern besser berücksichtigt, das auch Menschen mit Brüchen in ihrer Biografie gut absichert. Ein Sozialsystem, das niemanden bevormundet und niemanden zu einer Arbeit zwingt, das es aber den Menschen ermöglicht, auf eigene Faust Gutes zu tun.

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens also.

Da ist die Idee, dass Religion und Staat endgültig getrennt werden müssen. Dass es zwar das Recht eines jeden Menschen ist, verschiedene Dinge zu glauben und sein persönliches Leben danach auszurichten. Dass wir uns aber von religiösen Institutionen mit veralteten und verqueren Moralvorstellungen nicht mehr länger unsere Gesetze diktieren lassen.

Und so gibt es noch viele andere Ideen.

Wir als Piratenpartei sollten das Sprachrohr für diese neuen Ideen sein, sie in die Parlamente tragen und die öffentliche Diskussion darüber anstoßen, wie wir das aktuell mit dem Thema Urheberrechtsreform ja schon gut tun.

Wir sollten uns auf keinen Fall vorauseilend dem Druck von Medien, Restpolitik und der Mehrheitsbevölkerung beugen und unsere Ideen von selbst moderieren und einschränken.

Lasst uns unsere neuen Ideen stolz vertreten und für sie werben.

Nur wenn wir die Ideen vertreten, deren Zeit heute gekommen ist, sind wir die Partei, deren Zeit gekommen ist. Und nur dann kann uns in Zukunft niemand mehr aufhalten.

ESM

Disclaimer

Meine Meinung zum Thema Finanzkrise. Ich habe die letzten Wochen etwas Zeit damit verbracht, mich in die Materie einzulesen und mir die Meinungen verschiedener Experten aus verschiedenen Lagern anzuhören. Trotzdem bin ich natürlich nur ein Laie und kann nur eine persönliche Wertung dieser Argumente vornehmen, die natürlich von meiner Weltanschauung geprägt ist.

Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich den ESM und die anderen Formen von Rettungsschirmen nicht für die Lösung des Problems halte. Wenn überhaupt, werden dabei nur Symptome bekämpft, um etwas Zeit zu gewinnen, während man mit anderen Maßnahmen die eigentliche Rettung versucht.

Was an der Kritik am ESM schlecht ist

Trotzdem bin ich mit dem, was ich an Gegenbewegung gegen ESM & Co sehe, nicht zufrieden. Und zwar aus mehreren Gründen:

Potenzielle Partner

Es gibt verschiedene Gruppen, die sich eine Gegnerschaft zur Eurorettung gerade auf die Fahne geschrieben haben, mit denen ich aber überhaupt gar nichts zu tun haben möchte. Leider gibt es teilweise unter den Piraten keine Berührungsängste mit diesen Gruppierungen.

Da haben wir zum einen Marktradikale, die am liebsten überhaupt keine staatliche Umverteilung sähen, weder innerhalb eines Staates, noch zwischen Staaten. Marktradikale (Dazu gehören z.B. „Partei der Vernunft“ und „Zivile Koalition“) wollen letztendlich Steuern und Sozialsysteme größtenteils abschaffen oder bis zur Bedeutungslosigkeit beschneiden. Und vom Argument „Wieso sollen wir in Land A etwas an Land B zahlen, nur weil die schlechter wirtschaften“ ist man schnell bei „Wieso sollen wir in Bundesland A etwas an Bundesland B zahlen, nur weil die schlechter wirtschaften“ und dann auch sehr schnell bei „Wieso soll ich fleißiger Mensch Geld an die arbeitslosen Taugenichtse hier in Deutschland zahlen“.

Dann sind da die Esoteriker, die generell Angst vor Institutionen haben, weil hinter Institutionen ja immer die Illuminati/Freimaurer/Juden/Reptiloiden stecken, denen es darum geht, die Menschen zu unterdrücken und zu willfährigen Sklaven zu machen. Dazu gehören dann auch wieder Teile der Partei der Vernunft, Gruppen wie das Netzwerk Volksentscheid und andere verschwörungstheoretische Gruppierungen.

Dann gibt es noch Nationalisten und völkische Gruppen, die eine europäische Einigung ablehnen, weil sie die Autonomie von Nation bzw. Volk gefährdet sehen. Das Spektrum reicht da von eher harmlosem Nationalismus wie im gemäßigten Flügel der Republikaner bis hin zu völkischer Ideologie wie beispielsweise bei der NPD.

Schließlich gibt es noch Gruppen, die unser Wirtschafts- und Geldsystem kritisieren und sie durch ein anderes ersetzen wollen, z.B. Freiwirtschaft o.ä. Ich denke, hier gilt das gleiche wie beispielsweise bei Regierungssystemen: Die liberale Demokratie ist kein perfektes Regierungssystem, aber es ist das beste unter denen, die funktionieren. Genauso ist ein System mit dezentraler Geldschöpfung, Zinsen und einem relativ freien Markt kein perfektes Wirtschaftssystem, aber es ist das beste, das funktioniert. Daneben gibt es auch gerade zwischen Zinskritikern und rechten Esoterikern häufig personelle und weltanschauliche Überschneidungen.

Mit all diesen Gruppierungen möchte ich nichts zu tun haben, und jeder verantwortungsbewusste Pirat/Mensch sollte sich immer genau anschauen, mit wem er bei einem Projekt zusammenarbeiten möchte und welche Ideen dahinter stecken.

Falsche Anschuldigungen

Der Vorwurf, der ESM schaffe die Demokratie ab und wäre eine neue unkontrollierbare Wirtschaftsregierung Europas, ist lächerlich. Viele der Details im ESM-Vertrag werden ohne Kontext und ohne Hintergrundwissen über das Völkerrecht und die Gepflogenheiten übernationaler Verträge betrachtet und falsch verstanden. Einige Experten, die es eigentlich besser wissen müssen, nutzen das aus und verbreiten solche falschen Interpretationen.

So schreibt Stefan Homburg in seinem Artikel in der FAZ:

Zwar veröffentlicht der ESM einen testierten Jahresabschluss, doch wählt er die Prüfer selbst aus. Eine externe Kontrolle durch Rechnungshöfe oder gar Abgeordnete findet nicht statt.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/schuldenkrise-retten-ohne-ende-11832561.html

Korrekt ist, dass ein testierter Jahresabschluss erstellt wird. Dies passiert durch einen externen Wirtschaftsprüfer. Genauso wie z.B. die Piratenpartei sich ihren Wirtschaftsprüfer aussuchen kann, kann sich auch der ESM den Prüfer aussuchen. Dieser muss aber ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen mit entsprechender Qualifikation und Zulassung sein und ist gesetzlich zur neutralen Wahrnehmung der Aufgabe verpflichtet.

Zusätzlich existiert noch eine interne Prüfinstitution. Und in dieser sind sowohl der europäische Rechnungshof als auch (nach einem Rotationsverfahren) die einzelnen nationalen Rechnungshöfe vertreten. Außerdem hat diese interne Prüfinstitution noch eine Berichtpflicht gegenüber den nationalen Rechnungshöfen.

Auch die im ersten Teil des Artikels aufgestellte Behauptung, die Haftung Deutschlands könnte ohne Zustimmung des Bundestages erhöht werden, ist falsch. Die deutschen Begleitgesetze regeln klar, dass keine solche Entscheidung möglich ist, ohne dass der Bundestag zustimmt. Homburg gibt das am Ende seines Artikels auch zu (Interessanter rhetorischer Kniff: Zuerst eine falsche Behauptung aufstellen und diese dann erst später relativieren), behauptet aber dann, der deutsche Vertreter im ESM könne diese Regelung eigenmächtig umgehen, was Unsinn ist.

Da kommt dann auch gleich das Thema mit der Immunität/Indemnität/Steuerfreiheit des ESM und seiner Amtsträger. Hier gilt:

Natürlich zahlt der Finanzminister in Deutschland weiterhin Steuern. Die Steuerfreiheit bei Amtsträgern und Angestellten des ESM bezieht sich lediglich auf Gehälter und  Aufwandsentschädigungen, die der ESM zahlt.

Das ist eine gängige Praxis bei übernationalen Organisationen und dient zusammen mit der Steuerfreiheit der Transaktionen der Organisation selbst dazu, ständige Konflikte über den Sitz der Organisation und die Nationalität der Angestellten aus finanziellen Gründen zu verhindern.

Also die Sache mit der Immunität… Da muss man zwischen der Immunität der Personen und der Immunität der Institution unterscheiden. Die Immunität der Personen bezieht sich nur auf Aktivitäten im Rahmen des ESM. Das ist eine Erweiterung der Immunität der Institution. Die Institution kann die Immunität der einzelnen Personen auch wieder aufheben. Und die Institution sind letztlich wiederum die Regierungen der Mitgliedsstaaten.

 

Die Immunität der Institution ist eine zwingende Notwendigkeit, um allgemeine rechtsstaatliche Prinzipien umzusetzen. Eine betroffene Partei in einem Rechtsstreit kann nicht zeitgleich Richter sein. Deshalb darf eine übernationale Organisation nicht durch die nationale Exekutive oder Judikative angreifbar sein, sondern nur durch übernationale Gerichte. Im Falle des ESM ist das der EuGH. Die Mitglieder können den ESM vor dem EuGH verklagen und umgekehrt.

 

Dieses Vorgehen ist wiederum ein etabliertes Vorgehen bei übernationalen Institutionen. Es gilt exakt so für die EZB, die WHO, die ITU und sogar das IOC. Die ICANN kämpft seit Jahren darum, den gleichen Status zu erlangen, um endlich dem Einfluss der amerikanischen Politik entfliehen zu können.

Bei der Immunität handelt es sich also nicht um eine besondere Regelung, um dem ESM Gottstatus zu verleihen, sondern um ein etabliertes Prinzip, um übernationale Institutionen dem politischen Einfluss einzelner Staaten zu entziehen.

Also bitte: Reden wir über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Rettungsschirme, aber nicht über Untergang des Abendlandes und Ende der Demokratie, wo beides nicht in Sicht ist.

Was am ESM schlecht ist

Die Wirtschaftspolitik (inklusive ESM), wie wir sie aktuell bei der Euro-Rettung sehen, ändert nichts am eigentlichen Problem: Dass einem international agierenden Markt keine internationale Marktregulierung gegenübersteht. So entsteht ein Wettbewerbsdruck zwischen verschiedenen Volkswirtschaften, bei dem die Staaten die besten Chancen haben, die die Wirtschaft möglichst wenig einschränken. Arbeitnehmerrechte, Sozialsysteme, Umweltschutz, Demokratie und viele andere gute Ziele bleiben dabei auf der Strecke.

Auch berücksichtigt dieses System nicht, dass verschiedene Staaten aufgrund ihrer Geschichte oder ihrer natürlichen Ressourcen unterschiedliche Startbedingungen haben, um an diesem globalen Wettbewerb teilzunehmen.

Kurzfristig würde ich mich für einen Schuldenschnitt der gesamten Euro-Zone aussprechen.

Mittelfristig sollten wir darauf hinarbeiten, Wirtschafts- und Sozialsysteme zuerst auf Europa-Ebene und dann international zu vereinheitlichen und eine globale Marktregulierung nach demokratischen Prinzipien und unter demokratischer Kontrolle zu schaffen. Nur wenn diese Bedingungen geschaffen wurden, wäre es dann auch möglich, eine nicht rein wachstumsorientierte Wirtschaft zu etablieren und das Schuldenwachstum staatlicher Haushalte zu stoppen.

Kandidatur Landesliste

In diesem Text möchte ich einige wichtige Aspekte zu meiner Kandidatur für die Landesliste der Piratenpartei in Baden-Württemberg erläutern.

Piratenpartei

Ein paar Stichpunkte dazu, wie ich die Piratenpartei sehe / sehen will:

  • Die Piraten sehen Information als Machtinstrument. Da wir auch ein bisschen anarchistische Tendenzen haben, wollen wir den Zugang zu Information deswegen möglichst breit streuen. Es soll keine Informationsmonopole geben.
  • Wir definieren Freiheit so, dass wir Menschen Ressourcen bieten und darauf vertrauen, dass die meisten Menschen diese Ressourcen dann kreativ und zum Nutzen auch anderer Menschen und der Gesamtgesellschaft einsetzen. Das betrifft zum einen Information/Wissen/Kultur/Technologie, aber auch materielle Mittel, Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur und Geld.
  • Die Piraten wollen so wieder eine Allmende schaffen (gesamtgesellschaftliche Grundlagen, die der Menschheit als Ganzes gehören), ohne alles verstaatlichen zu wollen und ohne Entwicklungen zentral planen und steuern zu wollen.
  • Unser Einsatz für Umweltschutz leitet sich davon ab. Wir sehen unseren Planeten als gemeinschaftliches Eigentum der gesamten Menschheit, auch zukünftiger Generationen, und sehen deswegen die Verantwortung, ihn als Lebensgrundlage für alle Menschen zu erhalten.
  • Wir hinterfragen bestehende Strukturen und sind offen dafür, neue Arten von Organisation auszuprobieren.  Wir haben keinen Respekt vor Heiligem und wagen es, unbequeme Fragen aufzuwerfen.
  • Das heißt aber nicht, dass man immer alles anders machen muss als bisher. Nach einer Analyse kann man auch zu dem Ergebnis kommen, dass ein bisheriges Vorgehen weiterhin sinnvoll ist.
  • Die Piraten lieben Technologie  und lassen sich nicht von Untergangspropheten davon abhalten, die Vorteile von technischen Weiterentwicklungen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Veränderungen zu umarmen. Trotzdem sehen wir auch immer die Risiken von Technologie und versuchen, negative Folgen technischer Weiterentwicklung für die Menschen durch Aufklärung und Regulierung zu minimieren.
  • Für die Piraten steht der Mensch im Mittelpunkt. Wir wollen, dass sich dieser möglichst frei als Individuum unter vielen entfalten kann.
  • Die Piraten sind keine Volkspartei, sie vertreten zurzeit nicht die Ansichten und Interessen der Mehrheit der Deutschen, sondern ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen mit einem konkreten Weltbild und konkreten Interessen.

Wahlstrategie

Im Wahlkampf sollten wir nicht das Bild der Protestpartei weiter stützen. Die Medien und große Teile der Bevölkerung, auch Teile der Mitglieder, sehen uns als Anti-Partei ohne konkrete Inhalte, nur als Sprachrohr des „Volkes“.

Das sind wir aber nicht. Wir vertreten bestimmte Teile der Bevölkerung mit einem bestimmten humanistisch/progressiven/individualistischen Weltbild, das man aus den verschiedenen Parteiprogramm- und Wahlprogrammbeschlüssen ablesen kann.

Wir sollten im Bundestagswahlkampf eben jene Themen in den Vordergrund stellen, die uns von anderen Parteien unterscheiden, und diese auch sehr stark vertreten, ohne Angst, mit besonders heftigen Forderungen viele Wähler abzuschrecken. Wir sind keine Volkspartei und es schadet uns nicht, wenn 70% der Wähler uns für Verrückte oder Spinner halten, solange die Menschen, die voll hinter unserem Programm stehen, dieses auch wahrnehmen, und wahrnehmen, dass wir uns dafür einsetzen.

Abgeordneter

Der Abgeordnete ist kein Einzelkämpfer. Als Projektmanager leitet er ein Team von Spezialisten (den Fachreferenten, von denen jedem Abgeordneten in der Praxis 3-5 zur Verfügung stehen werden), koordiniert die Zusammenarbeit mit den anderen Abgeordneten der anderen Fraktionen und der eigenen Fraktion. Der Abgeordnete soll kein Fachspezialist sein und selbst Gesetzesentwürfe schreiben und nicht auf eigene Faust Lösungen für Probleme finden.

Jeder Abgeordnete beackert am Ende ein breites Spektrum an Themen. Er muss dazu in der Lage sein, schnell Informationen von Experten, Bürgerinitiativen und Interessengruppen aufzunehmen, diese zu bewerten und dann die richtigen Fragen zu stellen.

In einer Podiumsdiskussion, an der ich teilnahm, beschrieb ein Richter am Bundesverfassungsgericht das BVerfG als „Laienspieltruppe unter den Gerichten“. In den einzelnen Fachgerichten arbeiten Spezialrichter, die sich seit Jahren oder Jahrzehnten immer nur mit den gleichen Themen beschäftigen und kein Gespür mehr dafür haben, wie die „normalen“ Menschen denken und welche Beziehungen es zu anderen Themengebieten gibt. Die Verfassungsrichter müssen über den Tellerrand eines Fachgebiets schauen können und auch die Auffassung der Bevölkerung und verschiedener Fachgebiete in ein Urteil einfließen lassen können.

So ähnlich sehe ich die Aufgabe eines Abgeordneten nicht als Arbeitstier, der selbst Experte für ein Themengebiet ist, sondern als Schnittstelle zwischen einerseits den Experten in einem Fachgebiet und andererseits der übrigen Welt. Der Abgeordnete muss das Gesamtbild im Auge behalten und einerseits die Meinungen seiner Partei und der Bevölkerung in die Expertendiskussionen einfließen lassen und andererseits dazu in der Lage sein, die Expertendiskussionen für die restliche Welt zu übersetzen.

Daneben ist eine ganz wichtige Aufgabe der Piraten-Abgeordneten, die Expertendiskussionen und die dort anfallenden Rohdaten öffentlich zugänglich zu machen, so dass sich Interessierte und Betroffene, wenn sie dies wollen, jederzeit informiert an laufenden Diskussionen beteiligen können.

Listenplätze

Es wird sich sicher nicht vermeiden lassen, dass die Medien ein besonderes Interesse an Listenplatz 1 haben werden. Wir sollten dieses Spiel aber nicht bedingungslos mitspielen. Wenn Listenplatz 1 in den Bundestag einzieht, dann nicht alleine, die Plätze 2-4 sind dann auch relativ sicher mit dabei, vielleicht noch einige mehr. Es ist also sinnvoll, den Wahlkampf nicht nur auf Listenplatz 1 zu beschränken. Man kann die Aufgabe der öffentlichen Repräsentation generell auf die ersten 10 Plätze verteilen, auch die Direktkandidaten natürlich und ggf. kann man auch mal einen Experten zu einem Thema entsenden, der nicht auf einer Kandidatenliste steht.

Um diesen Punkt deutlich zu machen, kandidiere ich gezielt mit dieser Ansage auch auf Listenplatz 1. Ich kandidiere aber auch für alle anderen Plätze. Ich möchte im Bundestag für die Piratenpartei aktiv werden, und ich glaube, dass ich die von mir oben beschriebenen Anforderungen erfüllen kann. Jeder Platz bietet zumindest die Chance zum Einzug. An welchem Platz man dann irgendwann mal stand, wird später keiner mehr fragen, solange man es geschafft hat.

Kriterien für Aufstellung

Einige der Fragen an Kandidaten zielen darauf ab, dass man von dem Kandidaten erwartet, möglichst viel für die Partei während des Wahlkampfs zu leisten. Der Listenplatz ist dann so eine Art Belohnung für die Einsatzbereitschaft. Das ist aber ein unsinniges Kriterium für eine Wahl, und zwar aus mehreren Gründen:

In den Bundestag schaffen es realistisch gesehen (wenn überhaupt) zwischen 4 und vielleicht maximal 10 Leuten. Mit 10 Leuten im Landesverband kann man aber keinen Wahlkampf leisten. Auch mit 30 Direktkandidaten alleine kann man keinen guten Wahlkampf leisten. Wir werden für diesen Wahlkampf mehrere hundert Piraten im Land brauchen, die aktiv werden. Dabei soll jeder nach seinen Möglichkeiten und entsprechend seiner Fähigkeiten aktiv werden. Keiner davon kann eine Belohnung erwarten. Wieso soll man die Wahl auf eine Liste also als Belohnung sehen?

Gleichzeitig stehen maximal einem Jahr Wahlkampf vier Jahre Tätigkeit als Abgeordneter gegenüber. Das ist der eigentlich wichtige Teil der Arbeit. Es macht also sehr viel mehr Sinn, Leute danach zu wählen, wie sie (der eigenen Meinung nach) die vier Jahre im Bundestag stemmen können, als danach, wer die meisten Ressourcen für den Wahlkampf einsetzen kann.

Es ist ja nicht ohne Grund so, dass bestimmte Berufsgruppen (z.B. Juristen und Selbständige allgemein) und gesellschaftliche Gruppen zurzeit im Bundestag über-repräsentiert sind. Wir sollten uns bei unserer Aufstellung nicht dem gleichen Fehler folgen. Lasst uns Kandidaten danach aufstellen, ob sie gute Abgeordnete wären, nicht danach, ob sie besonders gut Wahlkampf können.

Europa nicht alternativlos aber gut

Eine kurze Erwiderung auf einen Artikel, der behauptet, ein undemokratischer, diktatorischer Zentralstaat sei die einzige Alternative zu einem Europa der Nationalstaaten:

Ein gemeinsamer europäischer Staat muss kein Zentralstaat sein und er muss nicht weniger demokratisch sein, als die Bundesrepublik oder andere europäische Nationalstaaten. Im Gegenteil: Mit einer neuen europäischen Verfassung haben wir die Möglichkeit, bisher weniger beachtete demokratische Elemente wie Informationsfreiheit und direkte Bürgerbeteiligung direkt in der Verfassung zu verankern. Das europäische Parlament arbeitet jetzt schon transparenter als der Bundestag.

Natürlich ist ein gemeinsamer europäischer Staat nicht alternativlos, aber er ist wünschenswert.

Wohin der hier propagierte “intensive institutionelle Wettbewerb um die effektivste und beste politische Struktur” zwischen Nationalstaaten führt, sieht man zur Zeit in Europa und weltweit.

Ein gemeinsamer Markt mit internationalen Unternehmen aber ohne eine gemeinsame Wirtschaftspolitik bedeutet, dass der gemeinsame Markt nicht effektiv reguliert werden kann. Die verschiedenen Staaten stehen dann im starken wirtschaftlichen Wettbewerb zueinander, wobei es den Staaten besser geht, die die besseren Startvoraussetzungen mitbringen und/oder am ehesten bereit sind, ihre eigenen Sozialsysteme zu verkrüppeln.

Menschen in Staaten, die aufgrund ihrer Geschichte, ihrer geographischen Lage oder ähnlichem schlechtere Wirtschaftsbedingungen haben und nicht bereit sind, ihr Sozialsystem zu beschneiden, verlieren an Wohlstand und Freiheit und müssen sich dann noch von anderen als faul oder korrupt beschimpfen lassen.

Ein ESM löst das eigentliche Problem nicht, da er weiterhin die Prinzipien “Wettbewerb” und “Wirtschaftlichkeit” hoch hält und nicht soziale Gerechtigkeit als Ziel verfolgt. Ein Zerbrechen der Europäischen Union hilft aber genauso wenig. Wir brauchen größere staatliche Gebilde, die endlich wieder dazu in der Lage sind, dafür zu sorgen, dass eine demokratisch bestimmte Politik die Märkte regulieren kann und sich nicht von der Wirtschaft diktieren lassen muss, was sie zu tun hat.

Und erneut darf es das Aktionsbündnis hier nicht verwundern, dass man kein breites Bündnis gegen den ESM aufbauen kann, wenn man wie hier den Protest gegen den ESM mit Nationalismus und Kleinstaaterei verbindet.