Piraten, rechts zwei drei vier, links zwei drei vier

Aktuell wird an einigen Stellen wieder  einmal die Frage diskutiert, wo sich die Piraten im links-rechts-Schema einordnen und ob sie eventuell „von links“ oder „von rechts“ unterwandert werden.

Verurteilen aber nicht verhindern

Anlass dafür ist ein Aufruf, an der Aktion „Dresden nazifrei“ teilzunehmen. Bei diesem Aufruf werden auch die Piraten (allerdings mit einem nicht-offiziellen Logo) als Unterstützer aufgeführt. Das problematische an diesem Aufruf ist, dass er dazu aufruft, die Nazidemo durch eine Sitzblockade zu „verhindern“.

Meiner Meinung nach ist eine solche Aktion nicht mit den Grundprinzipien der Piratenpartei vereinbar. Die Versammlungsfreiheit ist aus gutem Grund ein wichtiges Gut in einer demokratischen Gesellschaft und sollte in allen Fällen hochgehalten werden, wo eine Versammlung nicht auf Grundlage eines geregelten rechtsstaatlichen Verfahrens verboten wird.

Entsprechend diesem Grundsatz hat die Bundespressestelle der Piratenpartei in einer Pressemitteilung zur Teilnahme an Gegendemonstrationen aufgerufen, dabei aber explizit die Wahrung der Versammlungsfreiheit angemahnt.

„Antifa-Piraten“

Einige Piraten scheinen diesen Gedankengang nicht nachvollziehen zu können oder zu wollen. Sie, am prominentesten unter ihnen Angelika Beer, rufen weiterhin explizit auch zu Blockaden auf. Sollte dieses Phänomen in Zukunft zunehmen, muss man überlegen, was dagegen zu unternehmen ist.

Das Eintreten gegen Faschismus und menschenverachtende Ideen ist mit den Prinzipien der Piratenpartei gut zu vereinbaren,  die Grenzen der Rechtstaatlichkeit dürfen dabei aber nicht übertreten werden.

„Mitte-Rechts-Piraten“

Dieses Eintreten für rechtsstaatliche Prinzipien ist es, das mich Bündnisse mit extremen „linken“ Gruppierungen ablehnen lässt, die Gewalt (aktiv oder passiv) als legitimes Mittel im Kampf gegen Faschismus betrachten.

Einige andere Piraten oder Piratensympathisanten begründen dies  anders. Sie fürchten, mit einem solchen Vorgehen würde man Mitglieder und Wähler „rechts von der Mitte“ vergraulen. Diese Argumentation halte ich aus zwei Gründen für unsinnig:

Erstens sollte die Piratenpartei nicht nur nach Macht und Wählern streben, sondern eben versuchen, ihre politischen Ziele und Grundsätze voranzutreiben. Es geht dabei nicht darum, Positionen zu finden, die möglichst von vielen Wählern unterstützt werden, sondern möglichst viele Wähler von den Ideen der Piratenpartei zu überzeugen. Dies meint das Grundgesetz übrigens, wenn es davon spricht, dass die Parteien „bei der politischen Willensbildung des Volkes“ mitwirken.

Zweitens muss man den Wählern „rechts von der Mitte“ auch ganz ehrlich sagen, dass die Piratenpartei aufgrund ihres Grundverständnisses nicht die richtige Partei für sie ist. Wenn ich hier von „rechts von der Mitte“ spreche, so meine ich damit speziell bestimmte gesellschaftspolitische Vorstellungen. Im Folgenden werde ich erklären, welche das sind und wieso diese nicht zum Grundverständnis der Piratenpartei passen.

Pluralismus vs. Homogenität

Bei einem Infostand der Piraten in Karlsruhe vor einer Woche sprach ich mit einem Passanten, der sich selbst als „Mitte rechts“ und „nationalliberal“ bezeichnete und mich warnte, würden die Piraten von links unterwandert, so würden sie ganz viele Wähler wie ihn verlieren. Das, was seine Position „rechts von der Mitte“ ausmache, stellte er sinngemäß folgendermaßen dar:

Eine Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn alle ihre Mitglieder die gleiche Kultur und die gleichen Wertvorstellungen teilen. Deswegen müssen die Staatsgrenzen mit den Volksgrenzen übereinstimmen. Außerdem müssen sich Zuwanderer assimilieren, also die hier vorherrschende Kultur vollständig übernehmen

Dieser Wunsch nach einer homogenen Gemeinschaft steht im Widerspruch zur Idee des Pluralismus, die meiner Meinung nach Teil des Grundverständnisses der Piratenpartei ist. Im Pluralismus gibt es nicht eine gemeinschaftliche Kultur, die alle Mitglieder der Gemeinschaft teilen, sondern jedes Individuum kann sein Leben selbstbestimmt nach seinen persönlichen Bedürfnissen und Vorlieben ausgestalten. Der Staat greift dabei mit seiner Gesetzgebung nur soweit ein, wie dies notwendig ist, um die Rechte anderer Menschen zu schützen.

Pluralismus und Piratenpartei

Die Verankerung des Pluralismus im Grundverständnis der Piratenpartei findet sich schon im Grundsatzprogramm. Dort heißt es

Wir sehen es als unsere Verantwortung, die Schaffung von Werken, insbesondere im Hinblick auf kulturelle Vielfalt, zu fördern.

Und an anderer Stelle:

Allein das 20. Jahrhundert kennt in Deutschland zwei Diktaturen, deren Schrecken wesentlich durch den fehlenden Respekt vor dem einzelnen Menschen und durch allgegenwärtige Kontrolle gekennzeichnet war.

Und an anderer Stelle:

Jeder Mensch ist ein Individuum mit persönlichen Neigungen, Stärken und Schwächen.

Im ersten Kapitel des Wahlprogramms zur Bundestagswahl 2009 heißt es:

Die grundlegenden Rechte jedes einzelnen Menschen sind das höchste Gut und Ausdruck unserer Menschlichkeit. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, beschlossen und anerkannt von den Staaten der Vereinten Nationen, stellt dabei die umfassende und allgemein anerkannte Sammlung dieser Rechte dar. Die dort genannten Rechte sind unteilbar und gelten für jeden Menschen gleichermaßen, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Religion, seinem Geschlecht, seiner Kultur oder anderer Merkmale. Jeder Mensch muss sich frei entfalten können, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Jede Diskriminierung ist abzulehnen. Wir kämpfen dafür, die Menschenrechte national wie international durchzusetzen.

Auch im Manifest unserer schwedischen Mutterpartei findet man ein Bekenntnis zum Pluralismus:

We wish to change global legislation to facilitate the emerging information society, which is characterized by diversity and openness.

Ich plane, in einem meiner nächsten Blog-Einträge das Thema Pluralismus noch weiter zu beleuchten.

Wieselevolution

Richard Dawkins hat für sein Buch “The Blind Watchmaker” eine kleine Software-Anwendung geschrieben, die veranschaulichen sollte, wie in der Evolution Zufall und Selektion zusammenarbeiten, um den Anschein von “Design” zu geben.

Auf Anfrage eines Bekannten aus dem Richard Dawkins Forum habe ich das Programm in etwas veränderter Form nachprogrammiert. In einem Video auf Youtube kann man es in Aktion sehen.

Den Quellcode übergebe ich der Public Domain. Man kann das fertige Projekt mit ausführbarer Datei (für Windows) und allen Quelltexten von meinem Webserver herunterladen. Der eigentliche Algorithmus befindet sich in WeaselCode.pas. Die Unit dlgMainWindow.pas kümmert sich um die Benutzeroberfläche.

Programmiert habe ich das ganze mit der Open Source Entwicklungsumgebung Lazarus. Diese verwendet als Sprache Delphi (Object Pascal) und läuft auf vielen verschiedenen Plattformen. Man kann so mit demselben Quelltext sehr effizient GUI-Anwendungen für Windows, Linux und Mac OS X erzeugen.

Was bei diesem Projekt natürlich nicht der tatsächlichen biologischen Evolution mittels natürlicher Auslese entspricht, ist dass wir hier als Anwender das Ziel (einen Satz) vorgeben. In der tatsächlichen Evolution wird das “Ziel” der Auslese jeweils durch die Umgebung bestimmt, die entscheidet, welche Genvarianten in dieser Umgebung die erfolgreicheren sind.

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Software-Projekten (sog. Artifical Life Anwendungen), die diesen Sachverhalt korrekt abbilden, indem sie selbst kein Ziel vorgeben, sondern virtuellen sich entwickelnden Lebewesen nur eine bestimmte Umgebung anbieten und dann den Evolutionsprozess selbst entscheiden lassen, in welche Richtung sich die Lebewesen entwickeln.

Eines dieser Projekte ist Polyworld. Eine beeindruckende Vorführung dieses Projekts findet man auf Youtube in einem Google Techtalk. Leider ist der Vortragende etwas nervig, es lohnt sich meiner Meinung nach aber unbedingt, sich das ganze Video anzuschauen.

Welchen Schweizern die Gleichberechtigung besonders am Herzen liegt

Vielleicht erinnert ihr euch ja an meinen Aufsatz[^] zum Thema Minarettverbot in der Schweiz und Gleichberechtigung. Meine Vermutung damals war, dass es dann doch wohl nicht Feministinnen waren, die im Rudel für das Minarettverbot gestimmt hatten.

Eine von der Schweizer Regierung durchgeführte VOX-Analyse[^] ergab nun[^], dass ich mit meiner Vermutung richtig lag.

Ich will auch gar nicht viel schreiben. Die Frankfurter Bloggerin und Journalistin Antje Schrupp[^] hat dazu einen Lesenswerten Aufsatz[^] verfasst, in dem sie Parallelen zwischen der aktuellen Diskussion und Diskussionen über einen vermeintlichen Anti-Judaismus der Frauenbewegung in den 1980er Jahren aufzeigt.

Hier nur meine Anmerkungen zu einigen der Ergebnisse der VOX-Analyse (zitiert aus dem Artikel im Tagesanzeiger):

Bei den Entscheidmotiven der Befürworter wurde am häufigsten die Absicht genannt, ein Zeichen gegen die Ausbreitung des Islam und des von ihm propagierten Gesellschaftsmodells setzen zu wollen. [...] Konkrete Kritik an den in der Schweiz lebenden Muslimen gaben nur 15 Prozent der Ja-Stimmenden als Entscheidmotiv an. Die Zustimmung zum Minarett-Verbot dürfe also nicht als generelle Ablehnung der in der Schweiz lebenden Muslime interpretiert werden, heisst es in der Vox-Analyse.

Etwas vergleichbares wäre es, wenn wir in Deutschland allen Pizza-Bäckern verbieten würden, die italienischen Nationalfarben auf ihren Speisekarten zu verwenden, um ein deutliches Zeichen gegen den unmöglichen Sexismus von Silvio Berlusconi zu setzen, dabei aber betonen, das sei keinesfalls als Ablehnung der in Deutschland lebenden Italiener zu verstehen…

Bei den Gegnern war die Einschränkung der in der Verfassung garantierten Grundrechte auf Religionsfreiheit und Nichtdiskriminierung für ihre Nein-Stimme ausschlaggebend.

Sag ich doch, einigen Schweizern liegt das mit den gleichen Rechten eben doch am Herzen.

Matratzengeburtstag

Ich bin eigentlich gerade dabei, schlafen zu gehen.

Beim Wechseln der Bettwäsche fiel mir ein, dass mein Bett demnächst seinen zehnten Geburtstag feiert und mit dem Bett auch die Matratze, die ich zum gleichen Zeitpunkt gekauft habe. Dasselbe gilt auch für den Lattenrost.

Ich erinnere mich, dass beim Kauf der Matratze ein Kriterium besonders wichtig war: Die Matratze kann man zerlegen und alle Einzelteile in einer Waschmaschine waschen. Das ist besonders hygienisch.

Nun ratet mal, wie oft die Matratze in den letzten zehn Jahren gewaschen wurde. Genau: Kein einziges Mal.

Beim Kauf des Lattenrostes war ein ganz wichtiges Kriterium, dass man durch Verschieben einiger Elemente die Härte des Rostes individuell einstellen kann. Das ist von Vorteil, wenn man mal mehr und mal weniger wiegt, damit der Lattenrost zum Körpergewicht passt.

Nun ratet mal, wie oft ich den Lattenrost in den letzten zehn Jahren neu eingestellt habe. Genau: Kein einziges Mal; und ich habe in den letzten zehn Jahren zu verschiedenen Zeiten jeweils sehr viele Kilogramm an Gewicht ab- bzw. zugenommen.

Es ist mir schon häufiger aufgefallen, dass Menschen bei größeren Anschaffungen oft großen Wert auf bestimmte Funktionen des gewünschten Produkts legen, die sie später im realen Leben nie nutzen.

Das macht deutlich, wie wenig unser menschliches Handeln im Alltag mit unserer eigenen rationalen Vorstellung davon zu tun hat. Wir halten uns selbst für sehr viel vernünftiger als wir sind, bzw. unser alltägliches Handeln ist eben mehr von Gewohnheit und Instinkt gesteuert als von rationalen Überlegungen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Man kann daraus wichtige Schlussfolgerungen für viele politische und Politik-philosophische Fragen ziehen. Da ich nun aber wirklich müde bin, überlasse ich diese Aufgabe dem geneigten Leser. ;-)

Weil den Schweizern die Gleichberechtigung am Herzen liegt…

Die Schweizer Entscheidung, den Bau von Minaretten in Zukunft zu verbieten[^], hat in den letzten zwei Tagen für sehr viel Diskussion gesorgt.

Bei einigen Diskussionen spielte dabei überraschenderweise das Thema “Gleichberechtigung der Geschlechter” eine Rolle. So erklärte mir in einem englischsprachigen Forum ein Schweizer, er habe für die Initiative gestimmt, da Minarette als Symbole des Islam für eine “sexistische Ideologie” stünden und die Gleichberechtigung der Geschlechter “allen Schweizern so sehr am Herzen” liege, dass sie durch das Minarett-Verbot ein deutliches Zeichen für Gleichberechtigung setzen mussten.

Auch in der taz liest man[^] erstaunliches:

Ausschlaggebend für die landesweite Mehrheit war – ebenfalls ähnlich wie in den Niederlanden und Belgien – nach Überzeugung der beiden PolitologInnen Regula Stämpli und Michael Hermann die hohe Zustimmung von Frauen, die sich als Feministinnen und als links verstehen und zum Teil bei den Grünen oder der Sozialdemokratischen Partei aktiv sind. “Diese Frauen wollten ein Zeichen setzen gegen eine Kultur, die sie als autoritär, machohaft und aggressiv empfinden”, erklärt Hermann.

Mir erscheint diese Begründung etwas seltsam. Sollten es wirklich die fortschrittlicheren, gar feministischen Gruppen in der Schweiz gewesen sein, die für diese Initiative gestimmt haben? Teilweise möglicherweise schon, aber ich glaube, die Mehrheit der Stimmen kommt aus einem ganz anderen Lager.

Einen ersten Hinweis darauf gibt ein Eintrag im amerikanischen Blog FiveThirtyEight[^]:

If we break the results of the referendum down by canton (province) and compare them against the number of nonreligious people in that region, we find a fairly strong relationship. The more religious the region, the more likely it was to support the ban

Religiösere Gebiete stimmten gegen Minarette

Religiösere Gebiete stimmten gegen Minarette

Man stellt hier also zunächst einmal fest, die konservativeren (mehr religiöse Christen, weniger Atheisten und Agnostiker) Kantone der Schweiz haben die höhere Zustimmung zu einem Minarett-Verbot.

Als ich dann nochmal darüber nachdachte, was ich in dem Forenbeitrag gelesen hatte, nämlich dass die Gleichberechtigung den Schweizern besonders am Herzen liege, fiel mir etwas ein. “Moment, da war doch etwas!” Richtig, die Erinnerung kam zurück: War die Schweiz nicht eines der letzten Länder in Europa, das das Frauenwahlrecht einführte? Eine kurze Google-Recherche  förderte eine Webseite[^] zu Tage, die einen Blick auf die Geschichte des Frauenwahlrechts in der Schweiz wirft:

Im Jahr 1959 wird das Frauenwahlrecht auf Landesebene in der Schweiz mit einer deutlichen Mehrheit von 67% der Wähler abgelehnt. Erst 12 Jahre später, 1971, hat ein erneutes Referendum Erfolg und 66% der Wähler stimmen für ein landesweites Frauenwahlrecht, wohl auch wegen wirtschaftlicher Überlegungen, da die wirtschaftlich vorteilhafte Mitgliedschaft im Europarat ohne Frauenwahlrecht nicht länger akzeptiert wurde. Die Entscheidung 1971 wirkte sich aber nicht auf das Wahlrecht innerhalb der einzelnen Kantone aus. Einige der Kantone hatten schon vorher für lokale Wahlen den Frauen das Wahlrecht zugesprochen, andere folgten erst später, zum Teil erst wesentlich später. Besonders interessant ist hier der Kanton Appenzell-Innerrhoden (Ja, der heißt wirklich so!). Nachdem im Jahre 1989(!) der benachbarte Kanton Appenzell-Ausserrhoden mit Ach und Krach in einer Volksabstimmung das Frauenwahlrecht endlich beschlossen hatte, wehrten sich die Bürger in Innerrhoden immernoch mit Händen und Füßen und ihren Stimmzetteln gegen ein Wahlrecht auch für Frauen. Erst im November 1990, vor 19 Jahren, kurz nachdem Deutschland die Wiedervereinigung gefeiert hatte (Junge, wie die Zeit vergeht!) zwang schließlich das Schweizer Bundesgericht den Kanton, das Frauenwahlrecht gegen alle vorhergehenden Volksabstimmungen trotzdem einzuführen.

Interessant ist es nun allerdings wiederum, wenn man das Verhalten der einzelnen Kantone bei der Einführung des Frauenwahlrechts mit dem Abstimmungsverhalten[^] bei der Minarett-Initiative vergleicht: In genau vier Kantonen hat sich eine Mehrheit gegen das Minarett-Verbot ausgesprochen: In Waadt, in Genf, in Neuenburg und in Basel-Stadt. Dies sind aber auch die ersten vier Kantone, die ein Frauenwahlrecht eingeführt hatten: Waadt und Neuenburg bereits im Jahr 1959, Genf im Jahr 1960 und Basel-Stadt im Jahr 1966. Auch der Kanton mit dem lustigen Namen, Appenzell-Innerrhoden, fällt hier auf: Der Kanton, der sich bis zuletzt (vor 19 Jahren) gegen die Einführung eines Frauenwahlrechts gewehrt hatte, hat bei der Abstimmung am 29. November mit 71,4% Ja-Stimmen die höchste Zustimmung zum Minarett-Verbot eingefahren.

Während es also durchaus möglich ist, dass einige verblendete Feministinnen für das Minarett-Verbot gestimmt haben, weil sie denken, damit ein Zeichen für Gleichberechtigung und Freiheit setzen zu können, bin ich sehr skeptisch, wenn dieses Begründung als Ausrede für das Gesamtergebnis in der Schweiz herangezogen wird; dies vor allem auch, da die beiden Parteien, die diese Abstimmung initiierten, die SVP und die EDU, gerade eben auch für ein rückwärts gerichtetes Gesellschaftsbild stehen, in dem Frauen, Menschen anderen Glaubens und Homosexuelle Menschen zweiter Klasse sind.

Ich glaube eher, die meisten Schweizer hatten andere Gründe, für diese Initiative zu stimmen: In alten Denkmustern gefangen, voller Angst vor Veränderung und dem Verlust des Althergebrachten, sind sie auf die Propaganda einiger Rattenfänger hereingefallen, die ein künstlich aufgebautes Bild von einem monolithischen, bedrohlichen Islam verwenden, um Ängste zu schüren und so politische Macht zu gewinnen.

Ich hoffe, eine friedliche und sachliche Reaktion der Schweizer Muslime wird dazu beitragen, dieses Zerrbild der Realität zu zerstören. Natürlich gibt es im Islam, wie auch in anderen Religionen, rückwärts gerichtete Strömungen und Extremisten, unter den Schweizer Muslimen aber offenbar relativ wenige und eher auch nicht mehr als in der restlichen Schweizer Gesellschaft. Für das Vorhandensein dieser Extreme darf man aber nun nicht die Gesamtheit der muslimischen Gemeinden in der Schweiz bestrafen.

Ein Verbot des Minarettbaus ist dabei, anders als viele Kommentatoren schreiben, gar nicht mal vorrangig eine Einschränkung der Religionsfreiheit. Ich denke, man kann argumentieren, dass eine bestimmte Bauform nicht zwangsläufig Teil der Religionsausübung sein muss. Das Verbot verstößt aber auf jeden Fall gegen einen anderen wichtigen rechtsstaatlichen Grundsatz: Die Gleichberechtigung/Gleichbehandlung. Jeder Mensch muss vor dem Gesetz die gleichen Rechte besitzen. Kein Gesetz darf (ohne “guten” Grund) nur auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zutreffen. Niemand darf wegen seiner Abstammung, seines Glaubens, seines Geschlechtes, seiner sexuellen Orientierung oder anderer Merkmale gezielt durch ein Gesetz schikaniert werden. Und genau das passiert nun in der Schweiz.

Liebe Schweizer, wenn euch die Gleichberechtigung so sehr am Herzen liegt, wieso habt ihr dann für ein Gesetz gestimmt, das die Gleichberechtigung einschränkt?