Sarrazin und die Homo-Ehe

Nochmal etwas zu Sarrazins Buch “Deutschland schafft sich ab”: Er beschäftigt sich in einem Teil davon mit der These, dass man Mitglieder der “gehobenen Schichten” dazu animieren müsste, mehr Kinder in die Welt zu setzen, um zu verhindern, dass das Land immer mehr verdummt. Warum diese These Unfug ist, hat z.B. der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e.V. in einer Pressemeldung beschrieben. Auch Andrea Thum hat dazu einen guten Blogpost geschrieben. Ich möchte hier darauf nicht eingehen, sondern auf einen seiner Vorschläge hinweisen, wie man dies erreichen könnte.

Dieser Vorschlag zeigt, wie unsinnig und wenig durchdacht die Thesen im Buch sind und wie wenig Empathie Sarrazin für seine Mitmenschen übrig hat.

In Kapitel 8 “Demografie und Bevölkerungspolitik – Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist”  schreibt er:

Die Menschen heiraten später, sie trennen sich häufiger, und sie bleiben weit öfter unverheiratet als früher. Auch wenn man die wachsende Zahl von Lebensgemeinschaften ohne Trauschein zu den Ehen dazuzählt, ändert sich an diesem Bild nichts. Dies drückt die Geburtenrate und nimmt vielen Kindern die Möglichkeit, in einer vollständigen Familie mit Geschwistern aufzuwachsen. Die Statistik zeigt zudem, dass aus dauerhaften Partnerschaften häufiger und nicht selten auch mehr Kinder hervorgehen als aus kurzlebigen Beziehungen.

Was kann der Staat also tun, um die Neigung zu dauerhaften Partnerbindungen zu fördern? Das Grundgesetz stellt Ehe und Familie unter seinen besonderen Schutz. Dieser ist allerdings im Laufe der Jahrzehnte zur Leerformel geworden. Der einzige Sinn einer Privilegierung der Ehe besteht darin, sie als bevorzugten Ort der Zeugung und Erziehung von Kindern zu schützen. Wo Kinder nicht gezeugt werden können, ist die Privilegierung von Partnerschaften aber generell sinnlos. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind eine Angelegenheit sui generis und haben mit einer Ehe höchstens in dem Sinne zu tun, dass zwei Menschen zusammenleben und vielleicht auch sexuelle Beziehungen haben. Kinder, um die es beim Schutz der Ehe ganz wesentlich geht, sind hier allerdings nicht zu erwarten. Der Sinn der Privilegierung der Ehe war es, dafür einen staatlich geschützten Raum zu erzeugen.

Nachdem die familien-, unterhalts- und erbrechtlichen Vorteile der Ehe und der aus ihr hervorgehenden Kinder weitgehend beseitigt worden sind, ist von der Privilegierung nur eine leere Hülse geblieben. Das soll hier nicht beklagt werden, es liegt eine gesellschaftspolitische Logik darin, aber es ist doch festzustellen, dass damit der ehelichen Bindung und somit der dauerhaften Partnerschaft jeglicher institutioneller Reiz genommen wurde.

Wenn man davon ausgeht, dass möglichst viele dauerhafte Partnerschaften von Männern und Frauen erstens die potentielle Zahl der Kinder erhöhen und zweitens die beste Voraussetzung für deren Gedeihen und gute Erziehung sind, dann sollte man die Attraktivität und die gesellschaftliche Wertschätzung dauerhafter Partnerschaften so stützen und fördern, dass dies auch das gesellschaftliche Klima beeinflusst. Menschen glauben zwar immer, sie agierten vorrangig aus individuellen Antrieben und eigener Entscheidung, in Wahrheit reagieren sie aber zu großen Teilen vorrangig auf die Erwartungen der Gesellschaft und folgen diesen gerne, solange das nicht ihren Instinkten widerspricht oder unmittelbare Nachteile mit sich bringt.

Wie man ein gesellschaftliches Klima, das dauerhafte Partnerschaften zwischen Männern und Frauen besonders wertschätzt, schafft und erhält, ist eine Frage mit vielen Facetten. Auf jeden Fall muss der Eindruck vermieden werden, jede Form von sozialer Organisation habe für die Gesellschaft denselben Wert

Kurz gesagt: “Weil Schwule und Lesben heiraten dürfen, haben Heteros weniger Kinder”. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Schlussfolgerung absolut unsinnig ist (Wieso sollte die Gleichstellung von homosexuellen Paaren die Fruchtbarkeit von heterosexuellen Paaren negativ beeinflussen), verkennt Sarrazin hier, dass ja eben auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Kinder aufgezogen (z.B. nach Adoption) und sogar gezeugt (mithilfe von Leihmüttern und Leihvätern) werden.

Dass Partnerschaften heute im Durchschnitt nicht so lange halten, instabiler und flexibler sind, ist eine begrüßenswerte Sache. Es bedeutet nämlich, dass Menschen freier in ihren Entscheidungen sind. Frauen und Männer werden nicht mehr durch gesellschaftlichen Druck gezwungen zusammen zu bleiben, auch wenn sie sich eigentlich nicht gut verstehen. Frauen akzeptieren es -Pasta sei Dank- nicht mehr so leicht, wenn sie in der Ehe unterdrückt und misshandelt werden.

Im Grundgesetz kann ich auch nirgends lesen, dass der Sinn von Schutz und Ehe, wie Sarrazin behauptet, alleine oder auch nur vorrangig darin bestünde, für Nachwuchs zu sorgen. Meinem Verständnis nach haben Ehe und Familie eine mindestens genauso wichtige Aufgabe darin, als Solidargemeinschaften, in denen Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, die Keimzelle unserer auf Solidarität und Gemeinschaft aufgebauten Gesellschaft zu bilden.

Es ist absolut menschenunwürdig, Partnerschaft, Ehe und Familie allein auf den Zweck der Reproduktion zu beschränken.

Sarrazin singt hier ein Loblied auf die Idee der “Kernfamilie”, in der “Kinder in einer vollständigen Familie mit Geschwistern aufwachsen”. Tatsächlich ist das Modell der Kernfamilie aber eigentlich ein relativ junges. Archäologen und Anthropologen können zeigen, dass das am weitesten verbreitete und natürlichste Modell eigentlich das einer erweiterten Großfamilie ist, in der Eltern sich nicht vornehmlich um ihre eigenen Kinder kümmern, sondern alle Kinder einer Stammes- oder Dorfgemeinschaft von den älteren Mitgliedern der Gemeinschaft beaufsichtigt werden, während sich die Elterngeneration nicht um Kindererziehung, sondern vor allem um den Lebensunterhalt kümmert. Kinder leben und lernen in diesem Modell vor allem in der Gemeinschaft ihrer gleichaltrigen Peer-Group.

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