Der Hype

Die Piratenpartei hat in den letzten 12 Monaten seit dem Einzug ins Abgeordnetenhaus in Berlin einen Hype erlebt. Einen Hype zeichnet aus, dass eine Sache plötzlich von vielen Menschen begeht wird, weil jeder in der Öffentlichkeit darüber redet, dass alle diese Sache plötzlich toll finden. Einen Hype zeichnet auch aus, dass er relativ schnell wieder endet, und die meisten Leute dann kein Interesse mehr an der Sache haben.

Wir müssen uns eingestehen, dass dies im letzten Jahr mit der Piratenpartei passiert ist. Die hohen Umfragewerte und die guten Wahlergebnisse bei den Landtagswahlen waren das Ergebnis dieses Hypes. Viele Leuten haben uns nur gewählt (oder gesagt, sie würden uns wählen), weil wir neu und anders waren, weil wir in den Medienberichten die Aura des Erfolges ausstrahlten, weil es eben Mode war, Piraten gut zu finden.

Inzwischen ist der Hype zu Ende, sind wir wieder “aus der Mode”, deswegen sinken die Umfragewerte. Ich hab das so schon Anfang des Jahres vorhergesagt, z.B. im Podcast mit dem Humanistischen Pressedienst.

Dass die Umfragewerte fallen ist das Ergebnis des Endes des Hypes. Sie waren vorher unrealistisch hoch, beinhalteten viele Menschen, die sich nie mit dem Programm der Piratenpartei beschäftigt hatten, die sich eben einfach dem Hype hingaben.

Lächerlich und kontraproduktiv ist es, jetzt nach Schuldigen für das Sinken der Umfragewerte zu suchen. Niemand ist für die sinkenden Werte verantwortlich. So ein Hype dauert eben nur kurz. Irgendwann läuft er von selbst aus. Das ist ein Naturgesetz.

Was nun?

Der erste wichtigte Punkt ist: Lasst euch jetzt nicht in eine Depression treiben. So ein Hype kann wie ein Aufputschmittel wirken. Es macht sehr schnell glücklich und munter. Aber wenn die Wirkung nachlässt, fühlt man sich schlechter als vorher. Blendet das letzte Jahr einfach aus. Es war nicht mehr als ein Traum im Drogenrausch der Wahlumfragen und Wahlsiege. Die sinkenden Umfragewerte sind keine Katastrophe und nicht das Ende für die Piratenpartei, denn sie werden nicht so tief sinken, wie sie vor einem Jahr noch lagen.

Zweitens: Wir haben jetzt eine gute Ausgangslage, um mehr nachhaltige ernsthafte Wähler zu gewinnen. Wir haben jetzt schon sicherlich eine größere Menge Stammwähler, die sich inhaltlich mit uns identifizieren können, als vor dem Hype. Und wir haben die Aufmerksamkeit der Medien. Und wir haben Abgeordnete in Landesparlamenten. Und wir haben Abgeordnete in kommunalen Gremien. Darauf kann man aufbauen. Jetzt gilt es, besonders stark um unsere politischen Positionen zu werben. Damit zu überzeugen und mehr und mehr Anhänger zu finden, die uns tatsächlich wegen unserer inhaltlichen Positionen gut finden.

Drittens eine Erinnerung an unsere Abgeordneten (einige haben diese nötiger als andere): Zeigt etwas mehr Demut. Seid euch dessen bewusst, dass ihr nur wegen des Hypes im Parlament sitzt. Ihr wurdet nicht gewählt, weil ihr ihr seid. Eure Wahl durch die Bürger ist nicht das Ergebnis irgendwelcher toller Leistungen, die ihr vorher schon mal erbracht habt. Auch eure Aufstellung durch die Partei müsst ihr als Vertrauensvorschuss betrachten. Als die Berliner Liste aufgestellt wurde, wusste niemand, dass man 15 Abgeordnete entsenden würde. Bei den anderen Landeslisten wurden teilweise Leute im Hauruck-Verfahren gewählt, obwohl man sie nicht so gut kannte. Also: Ihr tragt jetzt eine große Verantwortung, die Demut fordert. Ihr müsst jetzt die Themen der Piratenpartei in die Öffentlichkeit tragen.

Es ist eine Menge Arbeit und Anstrengung erforderlich, damit wir im Januar in Niedersachsen und im September im Bund die 5%-Hürde schaffen. Aber so ein Erfolg, der auf Anstrengung basiert, auf dem Wissen, dass die Menschen inhaltlich hinter einem stehen, macht auch sehr viel zufriedener als ein Erfolg als Ergebnis eines kurzfristigen Hypes.

5 thoughts on “Der Hype

  1. Danke! Triffts so ziemlich auf den Punkt, was ich gerade über die Partei und die Vorgänge in ihr sehe! Ich bin einer von den gewonnenen Stammwählern und lasse mich auch nicht von diversen Gates berirren denn; wenn man den Kopf etwas tiefer in die Partei steckt sieht man schnell, das hier sehr ergiebig, sachorientiert und sinnvoll an Themen und Verfahren gearbeitet wird, diese “Gates” sind nur die Spitze des Eisbergs.

    Weiter so! Ihr schafft das, ich glaub an euch!

  2. Das halte ich für gut beschrieben, allerdings nicht für vollständig. Es war, nach dem was ich bei Diskussionen erlebt haben, nicht nur der Hype, der euch nach oben gebracht hat.

    Viele, die von der großen Politik die Nase voll hatten, haben in euch die gesehen, die andere, sympathischere Politik betreiben, als die Etablierten. Hier war die Hoffnung auf einen neuen, durchsichtigen Politikstil der Grund für die Zustimmung.

    In der säkularen Szene wurde natürlich registriert, dass ihr die einzigen seit, die sich in dieser Richtung konsequent zeigen.

    Sicher gibt es noch mehr solche Punkte.

    Was ich zum Ausdruck bringen wollte ist, es war nicht nur der Hype, der so abläuft wie beschrieben. Es gab und gibt auch inhaltliche Punkte die euren “Aufstieg” beflügelt haben. Punkte, die in eurer Verantwortung liegen.

  3. Ich finde die Erklärung nicht überzeugend. Eine bessere Erklärung ist, dass die Partei (das Parteiprogramm, die Berichterstattung über die Partei, whatever) Hoffnungen in großen Teilen der Bevölkerung geweckt hat, dass sich jetzt *endlich* etwas ändert und dass sich endlich jemand für *ihre* Lieblingsthemen einsetzt. Die Umfragewerte sinken, weil diese Hoffnung schon wieder enttäuscht wurden. Die Piratenpartei wirkt jetzt schon uneinig, zerstritten, weiß nicht so recht wie’s weitergehen soll.

    Zwar finde ich auch nicht, dass man mit dem Finger zeigen und Schuldige für das Sinken der Umfragewerte suchen sollte; aber gleichzeitig finde ich auch nicht, dass man sich jetzt einreden sollte, man könne ja eh nichts dagegen unternehmen.

  4. Denke du hast in vielem Recht.
    Das die Piraten zeitweise massiv überberwertet wurden analog zu den Grünen zwischen Frühling und Herbst 2011 oder die FDP 2009 ist sicherlich richtig.
    Dennoch denke ich, dass nicht nur das Ende des Hypes schuldig an den schlechten Umfragen ist.
    Da kommt sicher auch Einiges, was in den letzten 2 Monaten schief gelaufen ist und hätte trotz Amateurhafter Strukturen nicht schief laufen dürfen.
    Weswegen noch viel Arbeit wartet..

  5. Pingback: acidblog » Betrachtungen zur Piratenpartei, erster Teil: Motivation

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