Klick mich

Etwas zum Buch “Klick mich” von Julia Schramm, über das ja gerade intensiv diskutiert wird.

Mate predigen, aber Cola saufen

Die Welt ist voller Probleme und Ungerechtigkeiten. Es gibt nun allgemein zwei Strategien, diese Probleme und Ungerechtigkeiten zu lindern oder zu beheben: Erstens durch persönliches Handeln und zweitens durch staatliche Regulierung.

Probleme und Ungerechtigkeiten durch persönliches Handeln lösen zu wollen, ist ein sehr hehres Ziel, es erfordert sehr viel Anstrengung und belohnt einen dafür mit einem guten Gewissen, das bei näherem Betrachten aber oft Selbstbetrug ist.

Ein Lieblingssport der Deutschen ist ja das Mülltrennen. Glasflaschen zu sammeln und zum Glascontainer zu bringen oder eine getrennte Sammlung von Papiermüll machen durchaus bis zu einem gewissen Grade Sinn. Aber alles, was darüber hinausgeht, bis hin zum Ausspülen von Joghurtbechern, ist oftmals gut gemeint, aber im Ergebnis wenig sinnvoll oder teilweise sogar schädlich.

Wollte man sein eigenes Verhalten so ändern, dass man möglichst keine Probleme oder Ungerechtigkeiten verstärkt, wäre das alleine ein Vollzeitjob. Zu komplex ist die Welt und zu vielfältig sind die Probleme der Welt. Von vielen Problemen und Ungerechtigkeiten wissen die meisten Menschen noch nicht einmal, wie sollten sie sie also durch persönliches Handeln vermeiden können?

Demgegenüber steht die staatliche Regulierung, die dazu in der Lage ist, ein Problem mit allen relevanten Aspekten zu betrachten und es konsequent und effizient anzugehen. Wenn der Staat Emissionshöchstwerte für Industrieanlagen festlegt, wirkt das eben besser, als wenn sich Millionen Verbraucher dauerhaft bei jeder Kaufentscheidung vorher darüber informieren müssen, ob der Hersteller eines Produkts vielleicht irgendwo die Umwelt vergiftet.

Auch von einem Politiker (z.B. einem Funktionär oder Mandatsträger der Piratenpartei) kann man nicht verlangen, alle vertretenen Forderungen (solange es nicht um die Art des Politikmachens an sich geht, das ist etwas anderes) auch im eigenen persönlichen Leben voll umzusetzen, vor allem wenn er dort auf die Schranken des Status Quo trifft.

Die meisten Piratenpolitiker (sofern sie noch keine Abgeordneten sind), sind in Berufen tätig, wo sie direkt oder indirekt Aktionen unterstützen müssen, die Programm und/oder Geist der Piratenpartei widersprechen. Solange dabei die geltenden Gesetze nicht gebrochen werden und nichts passiert, was im Rahmen der jeweiligen Tätigkeit unüblich wäre, sehe ich da auch kein Problem.

Beispiele sind Polizeibeamte, die Drogenkonsum verfolgen müssen, auch wenn sie hinter unserem suchtpolitischen Programm stehen,  Programmierer, die Code für DRM, Kopierschutz oder Scoring schreiben, Musiker/Verleger, die gegen die GEMA kämpfen und trotzdem Mitglieder bei ihr sein müssen, damit ihnen wichtige Einnahmen nicht entgehen, usw..

Oder eben Autorinnen, die einen Vertrag mit einem Buchverlag schließen. Will ein Autor mit einem Buch Geld verdienen und braucht die Unterstützung, die ihm ein Verlag bei seiner Arbeit bietet, bleiben ihm heute in der Tat relativ wenige Alternativen. Selbst Paulo Coelho unterschreibt entsprechende Verträge mit Verlagen (auch Random House), die dann versuchen, die illegale Verbreitung seiner Werke zu unterbinden, die er selbst privat vorantreibt.

Ein Sturm im Wasserglas

Was ist nun genau mit Julias Buch passiert? Jemand unbekanntes hat eine eigene Webseite erstellt, dort auf eine Kopie des E-Books von “Klick mich” bei Dropbox verlinkt und diese Webseite in die sozialen Medien gekippt. Innerhalb weniger Stunden war der Link bei Dropbox gesperrt, was niemanden verwundern dürfte, ist das öffentliche Verbreiten geschützter Werke ja nicht das Geschäftsmodell von Dropbox. Jeder mit einigen Kenntnissen beim Thema Filesharing wusste, dass der Link relativ schnell gesperrt werden würde. Meiner Meinung nach wurde genau dies durch den Ersteller der Webseite auch gewünscht. Wer das nun war und was damit bezweckt werden sollte, darüber kann man nur spekulieren.

Der entscheidende Punkt, den Piraten eigentlich wissen sollten: Da Privatkopien im Netz heute noch illegal sind, ist Dropbox keine geeignete Plattform, um geschützte Werke zu verbreiten. Dafür gibt es andere geeignete Plattformen. Und tatsächlich konnte ich heute morgen im Selbstexperiment innerhalb von weniger als fünf Minuten eine Kopie des eBooks von “Klick mich” über The Pirate Bay herunterladen.

Dass ein Link auf die Datei bei Dropbox (der genau zu diesem Zweck überhaupt veröffentlicht wurde) gesperrt wurde, ist also relativ unbedeutend, da die für solche Zwecke etablierten Plattformen davon völlig unberührt bleiben.

Weder ihr Verlag noch Julia selbst (wenn sie das denn wollte) könnten verhindern, dass ihr Buch über Bittorrent-Netze geteilt wird. Und dafür zu sorgen, dass genau dies sich nicht ändert, dass dezentrale Tauschplattformen im Netz weiter existieren können und dem Zugriff der Rechteinhaber entzogen bleiben, vielleicht sogar mal vollständig legal werden, das ist eine wichtige Aufgabe der weltweiten Piratenparteien. Piraten-Politiker müssen sich genau dafür einsetzen. Ob sie dabei nebenbei Bücher über traditionelle Verlage veröffentlichen oder nicht, ist irrelevant.

One thought on “Klick mich

  1. sehr schöne Ideen – ich denke an die Anfänge von den GRÜNEN – ich möchte hier keine Vergleiche ziehen, doch
    sieht was Jutta Dithfurth gemacht hat. Die ja ’91 aus der Partei ausstieg und in die außerparlamentarische Arbeit einstieg. Sie vertritt immer noch die sozialen Ideale und führt die Kämpfe im Alltag weiter, ob kleine oder große im Sinner der Gerechtigkeit. Für mich ist sie eine der wenigen Personen, die authentisch geblieben sind. Sie ist so geblieben, weil sie eben aus “dieser Politik” ausgestiegen ist, sonst wäre es wohl anders.
    Ich wünsche den Piraten einen anderen Werdegang – glaube aber nicht daran. Dennoch – good luck 😉
    Frida

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