Peniskulturkampf

Es geht um das Kölner Beschneidungsurteil, aber nicht um die eigentliche Frage  (Da stehe ich auf der Seite der Befürworter des Urteils also der Gegner der Beschneidung ohne medizinische Indikation) , sondern um einige Nebenaspekte der Diskussion, vor allem um die Frage, ob ein Angehen gegen die Beschneidung hier antisemitisch oder islamfeindlich motiviert ist.

Islamfeindlichkeit und Antisemitismus

Islamfeindlichkeit und Antisemitismus sind gerade heute Phänomene in Europa, die man eigentlich nicht  übersehen kann und darf. In einigen unserer Nachbarländer fahren nationalistische islamfeindliche Parteien gute Wahlergebnisse ein, unabhängig davon, ob sie (wegen ihrer Islamfeindlichkeit) explizit Pro-Israel auftreten (wie z.B. Wilders´ Freiheitspartei in den Niederlanden) oder auch antisemitische Ressentiments bedienen (wie Straches FPÖ in Österreich).

Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Lage (mit einem islamistisch motivierten Terrorismus) laufen Diskussionen um Burkha- oder Kopftuchverbote, Minarettverbote und allgemein die sogenannte Integrationsdebatte, die alle dem Zweck dienen, ein Zerrbild der Menschen und ihrer Kultur zu erzeugen, die mit einem arabischen oder türkischen Migrationshintergrund in unserem Land leben, und damit einen Keil zwischen deutschstämmige und andersstämmige Menschen zu treiben.

Auf den ersten Blick passt die Debatte um die Beschneidung perfekt in diese Reihe. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass die Debatte um die Beschneidung von den Muslimen in Deutschland entsprechend als Angriff explizit gegen sie wahrgenommen wird. Liest man die Kommentare unter Zeitungsartikel, sieht man auch meistens einige, die explizit in diese Richtung gehen, wo von „unserer Kultur“ und „ihrer Kultur“ gesprochen wird, wo es heißt „Wenn sie dich hier nicht anpassen wollen, sollen sie doch woanders hingehen, wo so etwas akzeptiert wird“, wo es ganz klar (mal wieder) um eine Konflikt zwischen „dem Westen“ und „dem Osten“ zu gehen scheint.

Clash of Civilizations

Sieht man aber genauer hin, stellt man fest, dass der eigentliche „Kampf der Kulturen“ nicht zwischen West und Ost läuft, sondern zwischen Vergangenheit und Zukunft. In vielen Bereichen werden heute in Europa andere ethische Maßstäbe verwendet , um moralische und damit auch rechtliche Fragen zu klären.

Der Einzelne rückt in den Vordergrund, die Kultur im Sinne einer von gemeinsamen Riten geprägten Volksgruppe rückt in den Hintergrund. Der Einzelne hat einen Wert an sich und es geht darum, dass jeder Einzelne ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen kann, statt dass die Menschen über ihre Leistung für die Gemeinschaft bewertet werden und sich dieser unterwerfen müssen. Die Religion verliert insgesamt an Bedeutung, vor allem jedenfalls die institutionalisierte Religion. Die Rechte der Kinder gegenüber ihren Eltern werden gestärkt, die Rechte der Ehefrau gegenüber ihrem Ehemann. Usw..

Es gibt eine Vielzahl von Beispielen, die für diesen Kulturkampf stehen und die sich allesamt innerhalb der europäischen Gesellschaften abspielen, ohne dass die Grenze des Kampfes entlang der Abstammungslinien verläuft:

  • Kirchenglocken werden plötzlich reguliert, sie dürfen nicht mehr zu allen Zeiten und mit allen Lautstärken läuten. In einigen Orten wird sogar diskutiert, sie komplett abzuschaffen.
  • Kreuze verschwanden aus vielen Gerichtssälen, Amtsstuben und Klassensälen. Und ganz sicher werden weitere in den kommenden Jahren verschwinden.
  • Die Züchtigung von Kindern ist inzwischen verboten, zuerst galt das nur für Lehrer, heute gilt es auch für die Eltern selbst.
  • Vergewaltigung in der Ehe ist heute ein Straftatbestand. Etwas, wogegen sich die Unionsparteien in den 90ern noch mit Händen und Füßen gewehrt haben.
  • Es laufen Diskussionen über Kirchenprivilegien, und es ist absehbar, dass viele davon mittelfristig gestrichen werden.
  • Kindesmissbrauch durch Geistliche oder Lehrer wird nicht mehr so oft stillgeschwiegen, so etwas wird mehr und mehr öffentlich gemacht, um weitere Fälle zu verhindern.
  • Änderungen im Scheidungsrecht, in den Sorgerechtsregeln und immer mehr gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare zeigen, dass wir uns nicht mehr an traditionelle Familienbilder klammern, wo jede Ehe am Leben erhalten werden muss, auch wenn alle Beteiligten darunter leiden, sondern dass das Wohlergehen der Betroffenen im Mittelpunkt steht.
  • Usw…

Die Debatte um die Beschneidung muss in diesem Kontext gesehen werden. Das Interesse und die Rechte des Kindes stehen heute im Mittelpunkt und die Argumente „Religion“, „Tradition“ und „Die Eltern wollen es aber“ zählen eben nicht mehr so viel.

Tatsächlich kann man die Diskussion um die Beschneidung auch in den westlichen Ländern finden, wo eine Beschneidung bisher für eine Mehrheit zum Standard gehörte.

In England nahm die Zahl der beschnittenen Männer seit Ende des zweiten Weltkriegs kontinuierlich ab. Obwohl dort zu Anfang des 20. Jahrhunderts fast jeder Junge routinemäßig beschnitten wurde, betrifft es dort heute eben nur noch die religiösen Minderheiten.

Auch in den USA nimmt der Anteil der Jungen, die nach der Geburt routinemäßig beschnitten werden, immer weiter ab. Dort gab es in verschiedenen Staaten bzw. Kommunen auch schon Gesetzesinitiativen und Initiativen für Volksabstimmungen, um medizinisch nicht indizierte Beschneidungen zu verbieten: Alles vor dem Hintergrund, dass es dort konkret nicht nur religiöse Einwanderer sind, die ihre Kinder beschneiden lassen, sondern immer noch ein recht großer Teil der Durchschnittsbevölkerung.

Man sieht also, dass die Diskussion um die Beschneidung das Ergebnis einer Veränderung innerhalb des Westens ist, das Ergebnis eines Abwendens von Kultur und Moral und hin zum einzelnen Menschen und seinen Rechten und Interessen. Entsprechend muss man dann aber auch argumentieren. Es ist hier eben kein Konflikt zwischen „der einheimischen Kultur“ und „der fremden Kultur“, sondern ein Konflikt zwischen überholten Traditionen und einem aufgeklärten Verständnis von Rechten.

Ausgerechnet Deutschland

In einigen Kommentaren wird eine Verbindung zwischen der Judenverfolgung im Nationalsozialismus und dem Beschneidungsverbot gezogen. Das ist in meinen Augen ein unglaublicher Missbrauch der Opfer des Nationalsozialismus.

In einigen Aussagen wird die Formulierung verwendet, die Nazis hätten „die jüdische Religion bekämpft“. Das ist so natürlich weit an der Realität vorbei. Den Nazis ging es klipp und klar nicht um Religion, sondern um Rasse. Sie glaubten nicht, jüdische Menschen seien aufgrund ihrer Religion als Feinde zu betrachten, sondern alleine schon aufgrund ihrer Abstammung.

Natürlich haben die Nazis hier und da auch auf Polemiken gegen die jüdische Religion zurückgegriffen und diese für ihre Zwecke verwendet (so wie heute bei den sogenannten „Islam-Kritikern“ fast immer die Religionskritik nur vorgeschoben ist und dahinter reiner Fremdenhass versteckt wird). Bei der Verfolgung und Vernichtung von jüdischen Menschen spielte die Religion dann aber keine Rolle. In den SS-Gefängnissen und auf den Transporten und in den Konzentrationslagern starben Menschen jüdischer Abstammung nur aufgrund ihrer Abstammung, völlig unabhängig davon, ob sie religiös waren oder nicht und völlig unabhängig davon, ob sie noch eine Vorhaut hatten oder nicht.

 

5 thoughts on “Peniskulturkampf

  1. Pingback: Politblogger » ‘Peniskulturkampf’

  2. Ich kann dem Politblogger in seinem Trackback nicht zustimmen und finde auch seinen Argumentationsstil etwas daneben. Von einem Spinner auf alle Kritiker zu schließen ist ein logischer Fehlschluss, der sich von selbst verbietet.
    Ohne mich jetzt in irgendwelche Gesetzgebungsverfahren dort einzulesen: Ein Blick in US-Foren (auch völlig unpolitischer Art) zeigt klar, dass auch dort die Beschneidung stark umstritten ist. Das sollte auch der Politblogger erkennen können.

  3. Pingback: Bundestag will religöse Beschneidung legalisieren

  4. Die Juden mussten über die Jahrhunderte viele Progrome erleiden. Der Massenmord durch Nazi-Deutschland war nur die schlimmste und systemtischte Verfolgung.
    Die Juden hätten also gute Gründe nicht alle ihre mänmnlichen Mitglieder so zu markieren, damit sie eine Chance haben bei möglichen zukünftigen Judenverfogungen – die es hoffentlich nie geben wird, aber bei der Schwarmdummheit der Massen leider nicht ausgeschliossen werden – untertauchen zu können.
    Die Juden haben sich aber dagegen entschieden. Sie sind also irgendwie auch Prost-Privacy-Anhänger.

  5. Bei der Freiheit stellt sich doch ehr die Frage:von was oder für was möchte ich frei sein.
    Kindern körperliche Eingriffe anzutun hat nichts mit Freiheit zu tun .Ehr mit mit geltenden Recht.
    mfg aus dem Erzgebirge

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