Kultur, Kultur und Kultur

Anfrage

Vor einem Monat gab es ja mal wieder die Diskussion um das Tanzverbot. Leider scheinen einige Kommunen in den letzten Jahren dazu überzugehen, dieses über Ostern wieder strenger durchzusetzen. Eine bestimmte Kultur (christliche Traditionen) wird hier dazu verwendet, Menschen vorzuschreiben, wie sie ihr Leben zu gestalten haben.

Besonders streng wurde das Tanzverbot dieses Jahr unter anderem in der Stadt Frankfurt umgesetzt. Ich hatte mir einen Spaß erlaubt und kurz vor dem Osterwochenende folgende E-Mail an das zuständige Dezernat der Stadt Frankfurt geschrieben:

Date: Wed, 20 Apr 2011 16:12:06 +0200
From: Christian Schwarz <***>
To: info.amt10@stadt-frankfurt.de
Subject: Durchsetzung von Aufführungsverboten an stillen Tagen / Alte Oper

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Freude habe ich wahrgenommen, dass sich Herr Ordnungsdezernent Volker Stein in den letzten Tagen vehement für die Verteidigung der Feiertagsruhe am Karfreitag in Frankfurt einsetzt.

Nun bin ich aber darauf aufmerksam geworden, dass auch die Alte Oper am Karfreitag diese Feiertagsregelung missachtet und eine der Unterhaltung dienende Veranstaltung durchführt:

http://www.alteoper.de/php/content_detail.php?id=196782304.0000

Die hier stattfindende Aufführung des Musicals “Grease” erfüllt wohl kaum die Anforderungen des Hessischen Feiertagsgesetzes, wonach auch erlaubte Veranstaltungen “auf das Wesen der Feiertage Rücksicht” nehmen müssen.

“Ein knallbunter Musical-Spaß aus Petticoats und Partys, Pferdeschwänzen und Pferdestärken, Cadillacs und Rebellion und natürlich Liebe zum begeisternden Sound

[…]

Grease – das ist reinstes Dynamit, wie hier ausgeflippte  Teenager-Aufregung in schnelle Choreographien, pointierte Dialoge und gefühlvolle Gesangsnummern übersetzt wird. Partys, Spaß und Romantik: schnell wird klar, dass sich bis heute beides, die Sehnsucht nach und die Aufregung vor der ersten Liebe nicht verändert haben!”

Statt der Besinnung auf das Opfer, das unser Herr Jesus Christus durch seinen Tod für uns alle gebracht hat, werden hier Party, Rebellion und absolut unchristlicher vorehelicher Verkehr gefeiert!

In diesem (leider englischsprachigen) christlichem Review der Verfilmung dieses Musicals wird dies besonders gut zusammengefasst:

“On the surface this film seems like lots of fun. We leave the theater singing (and maybe dancing the “Hand Jive”). However, hidden behind great music, we find a film that it is not exactly family viewing. We are subjected to none of the usual nudity (with the exception of a one-second mooning shot) or violence, and only mild profanity, yet the messages which oppose Christian values are clear.  The film, aimed at teenagers, glorifies premarital sex, underage drinking and smoking. For this Christian generation, “Grease” may not be the word, because its values are in direct contrast to The Word.”
http://www.christiananswers.net/spotlight/movies/pre2000/i-grease.html

Allein schon die Titel der im Musical verwendeten Musikstücke weisen auf die anti-christliche Botschaft dieser Veranstaltung hin:

  • “You’re The One That I Want” (Es gibt nur Einen, den man begehren soll, und das ist unser Herr Jesus Christus!)
  • “Grease Is The Word” (Blasphemie! Jesus ist das Wort!)

Ich hoffe, Sie werden mit aller Ihnen zur Verfügung stehenden Härte gegen diese gottlose Veranstaltung am heiligen Karfreitag vorgehen und bitte um eine kurze Antwort zur Bestätigung, dass dies auch passieren wird.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Schwarz

Antwort

Nun ist die E-Mail bewusst so formuliert, dass relativ schnell klar werden sollte, dass es sich hier um Satire handelt und sie keinesfalls ernst genommen werden sollte. Demnach war ich auch nicht überrascht, keine baldige Antwort zu erhalten. Man darf nun aber nicht die Gültigkeit von Poe’s Law unterschätzen.

So trudelte heute, fast einen Monat später, tatsächlich eine Antwort bei mir ein. Nun kommt die Antwort nicht vom zuständigen Ordnungsdezernat der Stadt Frankfurt, wo man offenbar nicht die Kritik am harten Durchgreifen zur Durchsetzung des Tanzverbots erkannte, sondern von der Alten Oper in Frankfurt. Die Antwort liest sich so:

Date: Wed, 18 May 2011 15:14:05 +0200
Subject: WG: Durchsetzung von Aufführungsverboten an Stillen Tagen / Alte Oper
From: “Raven Gail” <…@alteoper.de>
Cc: Lars Gramatzki <…@stadt-frankfurt.de>

Sehr geehrter Herr Schwarz,

Ihre E-Mail wurde uns vom Dezernat für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt zur Beantwortung weitergeleitet, was wir hiermit gerne tun:

Wir  bedauern, dass Sie an unserer Veranstaltung Grease Anstoß gefunden haben.

Die Veranstaltung dient durchaus – auch – der Unterhaltung, jedoch gilt das überwiegende Interesse dieser – wie grundsätzlich aller Veranstaltungen in der Alten Oper – der Kunst. Die Anforderungen des Hessenrecht Rechts- und Verwaltungsvorschriften werden hiermit von der Alten Oper erfüllt:

Unsere Gäste konnten die Stimmen, die Choreographie und den Tanz hervorragender internationaler Künstler erleben und ein exzellent gestaltetes Bühnenbild sowie fantasievolle Kostüme sichten.

Sowohl unsere Gäste wie auch die Presse hat uns die künstlerische Hochwertigkeit der Produktion bestätigt.

Seit Bestehen der Alten Oper finden an Karfreitagen Musicals statt, die der Unterhaltung, aber vor allem der Kunst dienen, zu dessen Präsentation sich die Alte Oper verpflichtet hat.

Wir freuen uns, dass Sie sich – trotz Ihrer Abneigung – dennoch so ausführlich mit dem Musical beschäftigt haben, und sind der Überzeugung, dass Sie in der Alten Oper auch viele Veranstaltungen nach Ihrem Geschmack finden können. Die Alte Oper ist „ein Haus für alle“: Jeder kann aus dem vielfältigen Programmangebot eine Veranstaltung nach seinem Geschmack besuchen, und genauso steht es jedem frei, einer Veranstaltung fernzubleiben.

Wir würden uns freuen, wenn auch Sie gelegentlich Gast unseres Hauses wären, und verbleiben für heute

mit freundlichen Grüßen

Gail Raven
Sekretariat/Assistenz
Geschäftsführung/Verwaltung

Bewertung: Unterschied zwischen Kultur und Kultur?

Traurig finde ich, dass die Alte Oper Frankfurt sich hier nicht klar mit den tatsächlich verbotenen Veranstaltungen solidarisiert und stattdessen versucht, sich davon zu distanzieren. Hier wird eine Unterscheidung zwischen “echter” Kultur und “falscher” Kultur gesehen, wo eigentlich keine ist.

Gerade das Musical Grease dient ja ganz offensichtlich vorrangig der Unterhaltung. Was macht eine Aufführung des Musicals in irgendeiner Art und Weise “besser” als die Disco-Veranstaltungen, die verboten wurden?

Was ist das besondere an den Stimmen, dem Tanz und der Choreographie “hervorragender internationaler Künstler” in der Alten Oper? Auch in Clubs und Diskotheken treten hervorragende internationale DJs und MCs auf, auch in Clubs und Diskotheken läuft hervorragende internationale Musik, und auch dort findet man “exzellent gestaltete und phantasievolle” Dekos.

Muss man hier wirklich zwischen Kultur und Kultur unterscheiden? Ist die Jugendclubkultur von heute weniger wert als das, was vor 50 Jahren Jugendkultur war und jetzt mit staatlicher Förderung in öffentlichen Häusern gespielt wird?

Bewertung: Verrückte Gesetze

Viel trauriger finde ich aber, dass eventuell tatsächlich die Möglichkeit besteht, dass jemand bei der Stadt Frankfurt darüber nachgedacht hat, das Musical am Karfreitag doch noch zu verhindern. Ganz abwegig ist dieser Gedanke nicht. In anderen Städten ist so etwas tatsächlich passiert

Wie Herr Raven korrekterweise schreibt: “genauso steht es jedem frei, einer Veranstaltung fernzubleiben”. Dieser Grundsatz sollte bei einer Neugestaltung der Feiertagsgesetze (nicht nur in Hessen) berücksichtigt werden.

3 thoughts on “Kultur, Kultur und Kultur

  1. Ja wie, die haben deine Mail einfach so mit Namen und allem weitergeleitet? Pff, erst kümmern sie sich nicht richtig um das Tanzverbot und dann ist ihnen auch noch der Datenschutz egal? 😉

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