Präsident aller Deutschen?

Heute wurde der neue Bundespräsident Christian Wulff  vereidigt. Wulff will als Bundespräsident natürlich Präsident aller Deutschen sein, in einem Interview in der ZDF Sendung “Was nun” sagte er beispielsweise, dass er mit seiner Politik “alle einbeziehen wolle” und verwies darauf, dass er als Ministerpräsident die erste Ostdeutsche in ein westdeutsches Kabinett und die erste Muslima in ein Kabinett geholt hatte. Er sagte dort auch, es wäre seine persönlich Stärke “Gräben zu zu schütten und Brücken zu bauen”.

So spielte in seiner Antrittsrede das Thema Integration auch eine wichtige Rolle. Er forderte gleiche Bildungschancen für alle Menschen, unabhängig von ihrer ethnischen und sozialen Herkunft, und prangerte an, dass Menschen zum Teil schon aufgrund ihres Namens bei Bewerbungen benachteiligt werden. Weiterhin nannte er als gesellschaftliche Gruppen, die stärker zusammengebracht werden müssen:

  • verschiedene Generationen (Jung und Alt)
  • Behinderte und Nichtbehinderte
  • Menschen aus Ost und West
  • Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Arbeitslose
  • Einheimische und Zugewanderte

Diese Aussagen sind sehr begrüßenswert. Man merkt aber, dass wenigstens ein wichtiger Punkt fehlt: Die Religion. Diesen Punkt sprach Wulff in seiner Rede (interessanterweise (noch) nicht in der schriftlichen Version enthalten) an, indem er sagte, die monotheistischen Weltreligionen sollten stärker nach Gemeinsamkeiten suchen statt nach Unterschieden. Ausgegrenzt werden hier aber alle Menschen, die nicht zu einer der monotheistischen Weltreligionen gehören: Vor allem Agnostiker und Atheisten, aber auch Anhänger nicht monotheistischer Glaubenssysteme wie Buddhisten, Hindu oder Neuheiden.

Betrachten wir einige Zahlen: Nur zwei Drittel der Deutschen bekennen sich noch zu einer Religion. Ein Drittel gibt an, konfessionslos zu sein. Eine Zahl, die auch immer stärker wächst. Mehr als ein Drittel der Deutschen sind konfessionslos. Es gibt mehr Konfessionslose als Ostdeutsche. Trotzdem werden sie in der öffentlichen Diskussion, so auch in der Antrittsrede des Bundespräsidenten, bewusst ignoriert.

Es gibt mehr Buddhisten (schätzungsweise mindestens 250,000 aktive)  in Deutschland als gläubige Juden (schätzungsweise nur die Hälfte der insgesamt 200,000 Menschen jüdischer Abstammung), trotzdem werden erstere in Wulffs Rede explizit ausgeklammert.

Und auch bei den Menschen, die sich noch zu einer monotheistischen Religion bekennen, vertritt die Mehrheit überhaupt nicht mehr die eigentlichen Glaubensinhalte.  Nur etwa ein Viertel der Mitglieder einer evangelischen Kirche in Deutschland glaubt an einen persönlichen Gott. Die anderen glauben gar nicht oder nur an eine “höhere Macht”. Ein Viertel der Katholiken in Deutschland glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod, dass Gott die Welt erschaffen hat und an die Heilige Dreifaltigkeit.

Dieser schwindende immer kleinere Anteil an gläubigen Menschen in der deutschen Bevölkerung spiegelt sich in der bundesdeutschen Politik noch nicht wirklich wider. Der Tag der Bundespräsidentenwahl am Mittwoch begann wie selbstverständlich mit einem Gottesdienst und alle am Mittwoch und heute beteiligten Personen, ob jetzt Christian Wulff, der Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Bundesratspräsident Jens Böhrnsen oder der scheidende Präsident Horst Köhler, sie allen ließen keine Gelegenheit verstreichen, sich gegenseitig und uns mehr und mehr gottlosen Deutschen Gottes Segen zu wünschen.

Christian Wulff hätte bei seiner Antrittsrede zeigten können dass er wirklich Präsident aller Deutschen sein will, wenn er ganz bewusst auch die Konfessionslosen angesprochen hätte, wie dies zum Beispiel auch der US-Präsident Barack Obama bei seiner Antrittsrede getan hat. Er hat es nicht getan. Christian Wulff wird als Bundespräsident sicherlich noch viele andere Reden halten. Er hat also die Möglichkeit, dieses Versäumnis noch nachzuholen.

RAmen

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