Orwell

Die Dystopie in George Orwells Roman “1984” wird ja gerne auf den Aspekt der Überwachung reduziert. Mindestens genauso wichtig ist aber der Aspekt der fehlenden Wahrheit.

Es ist in diesem Unrechtsstaat Aufgabe des Wahrheitsministeriums dafür zu sorgen, dass sich niemand mehr auf die Vergangenheit berufen kann. Niemand darf eigene Archive führen oder Aufzeichnungen anfertigen. Die einzigen Archive existieren im Wahrheitsministerium selbst und werden dort permanent angepasst, um die aktuell benötigte Vergangenheit jeweils neu zu schaffen. Niemand kann überprüfen, was in der Vergangenheit wirklich passiert ist.

Winstons erster Akt der Rebellion gegen das System besteht dann auch darin, im Geheimen ein Tagebuch zu führen. Dort schreibt er unter anderem:

To the future or to the past, to a time when thought is free, when men are different from one another and do not live alone — to a time when truth exists and what is done cannot be undone: From the age of uniformity, from the age of solitude, from the age of Big Brother, from the age of doublethink — greetings!

“truth exists and what is done cannot be undone” also dass Wahrheit existiert und das Geschehene (durch Löschen oder Verändern von archivierten Informationen)  nicht ungeschehen gemacht werden kann, ist neben der Existenz von Privaträumen ohne Überwachung  eine wichtige Voraussetzung, um Unrechtssysteme wie in 1984 beschrieben zu verhindern.

4 thoughts on “Orwell

  1. Ich empfehle die Lektüre von Teil 3, Kapitel 3. Es existiert nichts außerhalb unseres Geistes. Nicht einmal unser eigenes Gehirn ist in der Lage sich auf eine Ausdeutung der Realität festzulegen, wie sollten es komplexe soziale und gesellschaftliche Strukturen sein? Erinnerung, kollektiv wie individuell, unterliegt einem beständigen, dialektischem Prozess des Lernens, Manipulierens und Vergessens.

    ‘We control matter because we control the mind. Reality is inside the skull. You will learn by degrees, Winston. There is nothing that we could not do. Invisibility, levitation — anything. I could float off this floor like a soap bubble if I wish to. I do not wish to, because the Party does not wish it. You must get rid of those nineteenth-century ideas about the laws of Nature. We make the laws of Nature.’

  2. Im Endeffekt reduziert sich aber auch in dieser Sache doch die Notwendigkeit auf den Schutz der Privatsphäre.

    Es sind nicht 2 Aspekte, die etwa gegenläufig sind, sondern nur der Schutz der Privatsphäre ist es, der geschützte, private Aufzeichnungen und deren langfristige Aufbewahrung für zukünftige Generationen ermöglicht.

    Wichtig ist es also, den Staat und Andere nicht zu mächtig werden zu lassen und den Zugriff auf die private Sphäre zu verhindern.

    Es ist nicht so, wie es im Posting ein wenig anklingt und wie es die verwendeten Tags nahe legen (oder wie es auf Twitter von einigen Post-Privacy-Befürwortern ausgelegt wird), dass hier etwa eine gewisse Transparenz oder ein freier Fluss von Informationen nötig oder sinnvoll wären.

    Wichtig ist in diesem Zusammenhang, die Unkontrollierbarkeit einer Privatsphäre, nicht die Unkontrollierbarkeit des öffentlichen Informationsflusses.

  3. Natürlich ist der freie Fluss von Informationen das Entscheidende, um Wahrheit herzustellen. Nur so kann man Meinungen und Wissen austauschen und vergleichen. Nur so kann man wissen, was wirklich passiert ist.

    In 1984 heißt es dazu:

    “He wondered again for whom he was writing the diary. For the future, for the past–for an age that might be imaginary. And in front of him there lay not death but annihilation. The diary would be reduced to ashes and himself to vapour. Only the Thought Police would read what he had written, before they wiped it out of existence and out of memory. How could you make appeal to the future when not a trace of you, not even an anonymous word scribbled on a piece of paper, could physically survive?”

    und

    “But to trace out the history of the whole period, to say who was fighting whom at any given moment, would have been utterly impossible, since no written record, and no spoken word, ever made mention of any other alignment than the existing one.”

    und

    “But where did that knowledge exist? Only in his own consciousness, which in any case must soon be annihilated. And if all others accepted the lie which the Party imposed–if all records told the same tale–then the lie passed into history and became truth. ‘Who controls the past,’ ran the Party slogan, ‘controls the future: who controls the present controls the past.’ And yet the past, though of its nature alterable, never had been altered. Whatever was true now was true from everlasting to everlasting. It was quite simple. All that was needed was an unending series of victories over your own memory.”

    und

    “The past, he reflected, had not merely been altered, it had been actually destroyed. For how could you establish even the most obvious fact when there existed no record outside your own memory?”

    usw…

    Natürlich ist der freie Informationsfluss entscheidend.

    Gerade auch beim Punkt “men are different from one another” ist es entscheidend. Nur wenn Informationen frei fließen können, wenn jeder offen und frei sagen kann, was er denkt und was er will und wer und was er ist, können Menschen unterschiedlich sein, weil sie nur so auch als unterschiedlich wahrgenommen werden.

    Nur wenn es keinen freien Informationsfluss gibt, kann man die Illusion aufrecht erhalten, alle wären gleich, hätten die gleiche Meinung und die selben Bedürfnisse

  4. Pingback: Betrachtungen zu isharegossip | Die datenschutzkritische Spackeria

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