{"id":598,"date":"2014-01-27T00:49:56","date_gmt":"2014-01-26T23:49:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/?p=598"},"modified":"2014-01-27T01:19:10","modified_gmt":"2014-01-27T00:19:10","slug":"snowden-interview-und-verbreitungsrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2014\/01\/snowden-interview-und-verbreitungsrechte\/","title":{"rendered":"Snowden-Interview und Verbreitungsrechte"},"content":{"rendered":"<p>Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland hat heute begleitet von viel Brimborium das weltweit erste Fernsehinterview mit dem NSA-Whistleblower Edward Snowden ver\u00f6ffentlicht. So weit so gut. Etwas \u00fcberrascht hat die Welt dann aber zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen, dass nur eine gek\u00fcrzte Fassung des Interviews und nur eine Version mit deutscher Synchronisation gezeigt werden. Diese ist dann ebenso \u00fcberraschend und auf den ersten Blick aus nicht nachvollziehbaren Gr\u00fcnden au\u00dferhalb Deutschlands gesperrt. Sowohl auf der Webseite des NDR als auch bei der auf Youtube geposteten Version des Interviews werden Menschen mit einer IP-Adresse au\u00dferhalb Deutschlands ausgesperrt.<\/p>\n<h2>Rechte-Theater<\/h2>\n<p>Auf einer eigens eingerichteten <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/ratgeber\/netzwelt\/snowden253.html\">FAQ-Seite des NDR<\/a> wird dazu folgende Begr\u00fcndung abgegeben: &#8220;Leider besitzt der NDR nicht die Auslandsrechte daran. Das Video kann deshalb nur in Deutschland abgerufen werden. [&#8230;] Eine Fassung im Original-Ton k\u00f6nnen wir selbst leider nicht anbieten, weil wir daf\u00fcr nicht \u00fcber die erforderlichen Rechte verf\u00fcgen.&#8221;<\/p>\n<p>Das erstaunt, da bei allen Ank\u00fcndigungen und aller Werbung und im Interview-Video selbst es so dargestellt wird, als h\u00e4tte der NDR selbst dieses Interview organisiert und gef\u00fchrt. Und das hat er ja auch in gewisser Weise. Im Abspann des Interview-Videos und in <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ndr\/status\/427576707244367872\">einem Tweet des NDR best\u00e4tigt<\/a> erf\u00e4hrt man, dass die Firma &#8220;CineCentrum Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Film- und Fernsehproduktion mbH&#8221; Produzent des Interviews ist und damit alle Rechte h\u00e4lt. Auf der <a href=\"http:\/\/www.cinecentrum.de\/ueber-uns\/unternehmensstruktur.html\">Webseite von CinceCentrum<\/a> erf\u00e4hrt man, dass die &#8220;Studio Hamburg GmbH&#8221; alleiniger Gesellschafter (also Besitzer) von CineCentrum ist. Auf der <a href=\"http:\/\/www.ndrmedia.de\/unternehmen\/beteiligungen\/\">Webseite des Unternehmens &#8220;NDR Media GmbH&#8221;<\/a> kann man nachlesen, dass dieses 100% Besitzer von Studio Hamburg ist und selbst zu 100% dem NDR geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Der NDR hat hier also seine eigene ihm vollst\u00e4ndig geh\u00f6rende Tochter CineCentrum mit der Produktion des Interviews beauftragt, sich dann aber nur die Rechte f\u00fcr die Verbreitung im Inland von der eigenen Tocher (also quasi sich selbst) besorgt. Das hei\u00dft, dass nun alle Menschen, die nicht in Deutschland wohnen oder nicht der deutschen Sprache m\u00e4chtig sind und das Interview also gerne im Original gesehen h\u00e4tten, erst einmal in die R\u00f6hre schauen. Nach einer kurzen Google-Suche konnte ich n\u00e4mlich auf die Schnelle keinen ausl\u00e4ndischen Sender finden, der die Rechte gekauft h\u00e4tte und das Interview ausstrahlt.<\/p>\n<h2>Bewertung<\/h2>\n<p>Es mag sicherlich gute Gr\u00fcnde geben, wieso der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk Arbeiten an konkreten Sendungen in private Tochterunternehmen auslagert. Der erste und wichtigste d\u00fcrfte darin liegen, damit auch das finanzielle Risiko von Produktionen auszulagern. Wenn eine GmbH ein Projekt in den Sand setzt, ist maximal deren Einlageverm\u00f6gen weg. Aber die Muttergesellschaft haftet dar\u00fcber hinaus nicht f\u00fcr Verluste. Es ist auch m\u00f6glich, dass kleine Teams in einem privatwirtschaftlichen Rahmen effektiver arbeiten k\u00f6nnen als als Teil einer \u00f6ffentlich-rechtlichen B\u00fcrokratie. So kann man man Ressourcen sicherlich besser nutzen, indem das gleiche Team bei geringer Auslastung auch Auftr\u00e4ge von privaten Auftraggebern erf\u00fcllen kann. Ein letzter Grund liegt in der M\u00f6glichkeit, Projekte durch den Verkauf von Rechten an ausl\u00e4ndische Sendern teilweise zu finanzieren und so Kosten f\u00fcr die Geb\u00fchrenzahler zu sparen.<\/p>\n<p>Das letzte Argument lasse ich im Falle von Unterhaltungsformaten wie dem Tatort oder \u00e4hnlichem gelten. Im Falle des Snowden-Interviews und bei allen anderen Formaten, wo es um Information und Aufkl\u00e4rung geht, darf dieser Gedanke aber nicht im Vordergrund stehen. Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk hat immerhin einen Informations- und Bildungsauftrag. Und dieser darf nicht kleinlich auf die Einwohner Deutschlands begrenzt bleiben. Gerade beim Snowden-Interview d\u00fcrften die Produktionskosten minimal gewesen sein, immerhin mussten hier keine Schauspielerinnen besch\u00e4ftigt, keine Sets hergerichtet und keine Stuntwomen und Trickspezialisten bezahlt werden, so dass die Notwendigkeit einer Finanzierung durch den Verkauf von Auslandsrechten \u00fcberhaupt nicht denkbar ist.<\/p>\n<p>Meine Forderung ist klar die, dass sich der NDR und die anderen Rundfunkanstalten in Zukunft ihrer Verantwortung bewusst werden und bei Sendungen, die in den Bereich von Information und Bildung fallen, von vorne herein sicherstellen, dass diese f\u00fcr jeden Menschen dauerhaft und barrierefrei zug\u00e4nglich sind. Wenn die eigentliche Produktion durch 100%ige Tochterfirmen \u00fcbernommen wird, sollte das ja machbar sein.<\/p>\n<p>Interessant ist f\u00fcr mich noch die Frage, ob Edward Snowden sich diesem Vorgehen des NDR bewusst war. Da sein Interesse ja eigentlich daran liegt, seine Botschaft m\u00f6glichst weit zu verbreiten, kann ich mir kaum vorstellen, dass er solchen Modalit\u00e4ten zustimmte.<\/p>\n<h2>Neues Testament<\/h2>\n<p>Als Nachsatz mag mir der blasphemische Vergleich des Rechtetheaters beim NDR und seinen T\u00f6chtern mit der Geschichte des neuen Testaments (Gott opfert seinen Sohn, der er selbst ist, um sich selbst zu bes\u00e4nftigen, damit er der Menschheit die Erbs\u00fcnde vergeben kann) gestattet sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland hat heute begleitet von viel Brimborium das weltweit erste Fernsehinterview mit dem NSA-Whistleblower Edward Snowden ver\u00f6ffentlicht. So weit so gut. 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