{"id":566,"date":"2012-12-05T18:43:14","date_gmt":"2012-12-05T17:43:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/?p=566"},"modified":"2012-12-05T18:43:14","modified_gmt":"2012-12-05T17:43:14","slug":"dissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2012\/12\/dissen\/","title":{"rendered":"Dissen"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt einige Sozialwissenschaftler, die sich damit besch\u00e4ftigen, wie Gesellschaften k\u00fcnstliche Rollenbilder entwickeln, Menschen anhand dieser Rollenbilder in Gruppen einteilen und dies dann zur Ausbildung von Macht- und Herrschaftsstrukturen und Ausgrenzung f\u00fchrt. Ziel dieser Betrachtungen ist es eben auch, diese k\u00fcnstlichen Rollenbilder zu zerst\u00f6ren und so Herrschaftsstrukturen in Gesellschaften aufzubrechen.<\/p>\n<p>Nun gibt es einige Gruppen, die diese Ideen und dieses Vorgehen aufgreifen, aber vollkommen unreflektiert mit diesen Ideen loslaufen und etwas vollkommen neues daraus machen, das k\u00fcnstliche Rollenbilder nicht zerst\u00f6rt, sondern noch verst\u00e4rkt. Au\u00dferdem werden durch eine gro\u00dfz\u00fcgige Einteilung von Menschen in Opfer- und T\u00e4tergruppen aufgrund weit gefasster Merkmale Menschen von der Arbeit gegen Diskriminierung ausgegrenzt.<\/p>\n<h2>Nur Betroffene d\u00fcrfen reden<\/h2>\n<p>So war heute Morgen auf der Mailingliste der Bundestagswahlkandidaten der Piratenpartei [DE-Kandidaten-Wahlen13] zu lesen:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn es aber um so spezifische Sachen wie z. B. Homosexualit\u00e4t geht, kann ein Hetero nicht mitreden, das ist einfach Fakt. Es ist (um mal ein Bild, dass ich vor einiger Zeit entwickelt habe nocheinmal zu bem\u00fchen) wie wenn Ich (als Mann) Dir (als Frau) einen Vortrag \u00fcber &#8220;Die Probleme einer Frau bei der Menstruation&#8221; halte.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Wer z. B. noch niemals beim traditionellen und allzeit beliebten allw\u00f6chentlichen Schwulenklatschen von der Landjugend durch die Stadt gejagt wurde, wird nicht verstehen, wo hier das Problem ist bzw gar nicht wissen das hier ein Problem ist. Wer nach solch einer Aktion noch niemals auf der Polizeiwache war und nicht miterlebt hat, dass man dort eher ausgelacht den ernstgenommen wird, wei\u00df nicht, dass hier ein Problem liegt.<\/p><\/blockquote>\n<p>So eine Aussage ist erst einmal ein Schlag ins Gesicht f\u00fcr die Leute, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte, ohne selbst homosexuell zu sein, f\u00fcr die Rechte von Lesben und Schwulen eingesetzt haben. Generell ist es f\u00fcr mich ohne Probleme nachvollziehbar, dass sich Menschen f\u00fcr Gleichberechtigung und gegen Ausgrenzung einsetzen, ohne konkret von der jeweiligen Form von Ausgrenzung betroffen zu sein. Zum einen k\u00f6nnen Menschen Ausgrenzung und verwandte Mechanismen ja auch in Bezug auf andere Merkmale pers\u00f6nlich erlebt haben, zum zweiten k\u00f6nnen sie Ausgrenzung bei anderen Menschen miterlebt haben und zum dritten ist eine ausgepr\u00e4gte Empathie (also die F\u00e4higkeit, sich in die Situation anderer Menschen hineindenken zu k\u00f6nnen) eine der wesentlichen Merkmale der Gattung Mensch.<\/p>\n<p>Ich selbst als schwuler Mann habe (soweit ich mich erinnern kann) noch nie pers\u00f6nlich von irgendjemandem wegen meiner sexuellen Orientierung Gewalt angedroht bekommen. Auch in Bezug auf die Polizei und meine sexuelle Orientierung habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Ich wei\u00df nat\u00fcrlich trotzdem, dass es Probleme gibt und dass diese angegangen werden m\u00fcssen. Nur m\u00fcsste ich f\u00fcr dieses Problembewusstsein nicht selbst schwul sein.<\/p>\n<h2>Wei\u00dfe heterosexuelle M\u00e4nner ohne Behinderung<\/h2>\n<p>Auch heute schreibt jemand auf der Baden-W\u00fcrttemberger Hauptmailingliste der Piratenpartei:<\/p>\n<blockquote><p>In dem Postulat, das Menschen, die \u201ewei\u00df, nicht-behindert, heterosexuell\u201c sind, diskriminiert werden k\u00f6nnten steckt schon die Abwertung der T\u00e4glichen Diskriminierungserfahrungen von Menschen mit Behinderungen, Queer, PoC, Frauen zu Gunsten eine Phantom Diskriminierung.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Indem sie so tut, als w\u00e4re die M\u00f6glichkeit vorhanden, das die T\u00e4ter zu Opfer werden entwertet sie die Realen Erfahrungen der Opfer.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00c4hnliche Argumentation findet mensch in noch st\u00e4rkerer Form immer h\u00e4ufiger an verschiedenen Stellen. Da werden Menschen pauschal aufgrund einiger Merkmale in die Gruppen &#8220;T\u00e4ter&#8221; und &#8220;Opfer&#8221; einsortiert. Den &#8220;T\u00e4tern&#8221; wird dann abgesprochen, \u00fcberhaupt selbst Opfer von Ausgrenzung werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Prinzip der Ausgrenzung von Menschen, die als anders wahrgenommen werden, ist aber ein allgemeines Ph\u00e4nomen bei Menschengruppen. Ob jemand in einer Gruppe zu den Ausgrenzern oder den Ausgegrenzten geh\u00f6rt, h\u00e4ngt dabei wesentlich von den historisch gewachsenen Rollenbildern in dieser Gruppe (und h\u00e4ufig schlicht den Mehrheitsverh\u00e4ltnissen) ab. So k\u00f6nnte das gleiche Mensch mit den gleichen Merkmalen in einem gesellschaftlichen Kontext ein Ausgrenzer sein, in einem anderen Kontext aber zu den Ausgegrenzten geh\u00f6ren. In der Praxis bewegen sich Menschen immer in verschiedenen Gruppen gleichzeitig. Und so ist es in der Praxis so, dass viele Menschen, die als Minderheit in einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe ausgegrenzt werden, in einer kleinere Gruppe, in der sie sich gleichzeitig bewegen, selbst als Ausgrenzer auftreten. (Und umgekehrt).<\/p>\n<p>Je gr\u00f6\u00dfer die Gruppe, desto st\u00e4rker wirkt sich Ausgrenzung aus, weil ein Ausweichen schwieriger wird. Trotzdem muss man auch die Formen von Ausgrenzung im Kleinen ber\u00fccksichtigen. Unmenschlich ist es, den Menschen, die Ausgrenzung tats\u00e4chlich am eigenen Leib sp\u00fcren, diese eigene Erfahrung abzusprechen, nur weil ihre Erfahrungen nicht Teil eines gesamtgesellschaftlichen Mechanismus sind.<\/p>\n<p>Jetzt wird es kompliziert, mensch l\u00e4uft jetzt n\u00e4mlich in eine Falle. Was jetzt nicht passieren darf, ist dass die verschiedenen real existierenden Vorkommen von Diskriminierung gegeneinander ausgespielt und dazu verwendet werden, andere zu relativieren.<\/p>\n<p>Beliebt bei Personen, die Ausgrenzung gegen bestimmte Gruppen als akzeptabel propagieren wollen, ist es n\u00e4mlich, dann auf Ausgrenzung, die von jener Gruppe selbst (tats\u00e4chlich oder vermeintlich) ausgeht, hinzuweisen und dies dann als Rechtfertigung f\u00fcr die eigene Ausgrenzung zu verwenden.<\/p>\n<p>So kommt in Gruppen aus mehrheitlich Personen mit Migrationshintergrund Ausgrenzung gegen Menschen ohne Migrationshintergrund oder einem abweichenden Migrationshintergrund vor. Personen, die vor Ort mit diesen Gruppen zusammenarbeiten (z.B. Lehrer oder Sozialarbeiter an Schulen) m\u00fcssen darauf entsprechend reagieren und dagegen arbeiten. Es macht auch Sinn, dies innerhalb von Migrantencommunities anzusprechen und dagegen vorzugehen. Nur hat dies keine Relevanz, wenn man \u00fcber die Situation von Migranten in Deutschland insgesamt redet. In einer solchen Diskussion pl\u00f6tzlich \u00fcber Diskriminierung in einem anderen Rahmen zu sprechen, dient alleine der Relativierung und Rechtfertigung von Ausgrenzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einige Sozialwissenschaftler, die sich damit besch\u00e4ftigen, wie Gesellschaften k\u00fcnstliche Rollenbilder entwickeln, Menschen anhand dieser Rollenbilder in Gruppen einteilen und dies dann zur Ausbildung von Macht- und Herrschaftsstrukturen und Ausgrenzung f\u00fchrt. 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