{"id":472,"date":"2012-01-28T18:51:29","date_gmt":"2012-01-28T17:51:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/?p=472"},"modified":"2012-01-28T19:44:52","modified_gmt":"2012-01-28T18:44:52","slug":"open-in-public-day","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2012\/01\/open-in-public-day\/","title":{"rendered":"Open in Public Day"},"content":{"rendered":"<p>Teaser: Am Ende des Beitrags gibt es einen Link zu einem 100 MB gro\u00dfen Archiv mit \u00fcber 4000 privater Fotos.<\/p>\n<p>Die Spackeria ruft heute am 28.1. den <a href=\"http:\/\/blog.spackeria.org\/2012\/01\/27\/open-in-public-day\/\">Open in Public Day<\/a> aus. Um sich zu beteiligen, soll man peinliche Fotos von sich ver\u00f6ffentlichen, an erster Stelle wird wieder das ber\u00fchmte Saufbild benannt, das auch Datensch\u00fctzer gerne nennen, wenn \u00fcber Privatsph\u00e4re und soziale Netzwerke gestritten wird.<\/p>\n<h2>Sauffotos<\/h2>\n<p>In meinen Augen ist das Ver\u00f6ffentlichen eines Sauffotos aber keine wirkliche Beeintr\u00e4chtigung der eigenen Privatsph\u00e4re, erst recht kein mutiger Schritt. Alkoholkonsum, auch zeitweiser exzessiver Alkoholkonsum junger Menschen zu besonderen Anl\u00e4ssen ist nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern wird gesellschaftlich fast schon erwartet. In meiner Oberstufenzeit waren es die uncoolen Au\u00dfenseiter, die erst gar nicht zu Partys gingen oder dort dann keinen Alkohol tranken. Jede Stadt und jedes Dorf kennt seine Volksfeste, Kirmes, Weihnachtsfeiern und so weiter, die fester Bestandteil des kulturellen Lebens sind, bei denen Trunkenheit dazu geh\u00f6rt und wo alle Honoratioren samt Familie zwangsweise anwesend sein m\u00fcssen. Ich glaube also nicht, dass es viele F\u00e4lle gibt, in denen jemand wegen eines Sauffotos nicht eingestellt w\u00fcrde (solange er es nicht direkt auf die Bewerbung klebt).<\/p>\n<p>Viele der ver\u00f6ffentlichten Fotos zeigen &#8220;peinliche Situationen&#8221;, die bewusst herbeigef\u00fchrt werden. Jemand tut etwas lustiges, steht mit seltsamen Kleidern auf einer B\u00fchne, usw&#8230;<\/p>\n<p>Das sind alles keine Offenbarungen. Bewusst herbeigef\u00fchrte Ausnahmesituationen k\u00f6nnen kaum jemanden schocken, solange man dabei im Rahmen dessen bleibt, was gesellschaftlich akzeptiert ist. Sich in der Freizeit mal so richtig zu besaufen, sich mit lustigen Kleidern auf eine Karnevalsb\u00fchne zu stellen, usw, das sind alles akzeptierte Dinge. Um wirklich anzuecken, m\u00fcsste man sich von diesem geplanten Ausscheren aus dem Alltagstrott in eine der beiden davon abweichenden Extremrichtungen bewegen:<\/p>\n<h2>Das Banale schockiert<\/h2>\n<p>Die eine Variante ist nat\u00fcrlich, Dinge zu zeigen, die gesellschaftlich nicht akzeptiert sind. Das soll aber nicht hier Thema sein. Denn das andere Extrem kann genauso wirken: Die schonungslose Darstellung des privaten Allt\u00e4glichen.<\/p>\n<p>Ein Besoffener auf einer Party &#8211; it&#8217;s not big deal. Aber wie unangenehm und akzeptabel w\u00e4re es, jemanden zu zeigen, der jeden Abend alleine zuhause vor dem Fernseher sitzt, vier Bier trinkt und dann einsam ins Bett wankt, um am n\u00e4chsten Tag wieder aufzustehen, als w\u00e4re nichts passiert?<\/p>\n<p>Ist das Allt\u00e4gliche nicht viel anst\u00f6\u00dfiger als das Besondere? Wenn in Filmen jemand in der Nase popelt, dann ist das so gemacht, dass wir als Zuschauer sehen, dass es gespielt ist. Der Finger wandert nicht ins Nasenloch. Schauspieler spielen ohne Probleme authentisch wirkende Sex-Szenen, Computertricks zeigen uns realistische Eingeweide, wenn bei Saw die Kreiss\u00e4ge in den Unterk\u00f6rper f\u00e4hrt, aber Nasepopeln ist immer nur sichtbar angedeutet.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es einen Teil der Privatsph\u00e4re, der nicht die Person vor der \u00d6ffentlichkeit sch\u00fctzt, sondern die \u00d6ffentlichkeit vor der Person. Jeder wei\u00df, dass fast jeder andere in der Nase popelt, sich selbstbefriedigt, furzt, zuhause im labrigen l\u00f6chrigen T-Shirt herum sitzt, an allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Stellen behaart ist, usw. Die \u00d6ffentlichkeit f\u00fchlt sich davon bel\u00e4stigt. Dieser Teil der Privatsph\u00e4re wird in der Diskussion um Datenschutz, Internet und \u00d6ffentlichkeit bisher leider kaum angesprochen. Inwieweit hat die \u00d6ffentlichkeit ein &#8220;Recht&#8221;, nicht von privaten Dingen einzelner Personen bel\u00e4stigt zu werden? Und in wie weit steckt dieser Gedanke zumindest teilweise auch hinter dem Interesse konservativer Kreise an einer Trennung zwischen Privatem und \u00d6ffentlichem?<\/p>\n<p>Eine Anekdote zur Illustration: In meinem Elternhaus wacht meine Mutter streng dar\u00fcber, dass abends, wenn es dunkel wird, die Rolll\u00e4den im Badezimmer geschlossen werden. Es ist verboten, sich bei angeschalteter Lampe im Badezimmer aufzuhalten und nicht sofort die Rolll\u00e4den zu schlie\u00dfen. Es ist nicht so, dass von au\u00dfen jemand etwas sehen k\u00f6nnte. Das Bad hat Vorh\u00e4nge und alle anderen H\u00e4user sind weit genug entfernt, so dass man Sicherheit keine klaren Umrisse erkennen kann, wenn man von au\u00dfen schaut. Die Interessanten Dinge spielen sich ja auch nicht direkt am Fenster ab, sondern weiter davon entfernt. Darauf angesprochen, r\u00e4umte meine Mutter das alles auch ganz offen ein, aber -erkl\u00e4rte sie- wer von au\u00dfen das Licht sieht und wei\u00df, dass das Fenster zum Badezimmer geh\u00f6rt, wei\u00df dass gerade jemand das Badezimmer benutzt. Und das, so erkl\u00e4rte sie weiter, geh\u00f6rt sich nicht, weil die Person sich dann ja ausdenken k\u00f6nnte, was da vielleicht gerade vor sich geht, dass da n\u00e4mlich dann in dem Raum Personen gerade nackt herumlaufen. Das Entscheidende: Nach dieser Denkweise ist nicht die Person im Badezimmer das Opfer, sondern die Person au\u00dferhalb, die quasi dazu gezwungen wird, anzunehmen, eine ihr bekannte Person ist gerade in dem Moment nur wenige Meter entfernt nackt.<\/p>\n<h2>Mein Webcamarchiv<\/h2>\n<p>Also: Mutig ist durchaus das Gew\u00f6hnliche zu ver\u00f6ffentlichen. Das tue ich mit <a href=\"http:\/\/www.neunbeere.de\/ExtRef\/WebcamArchive.rar\">einer Sammlung von \u00fcber 4000 Bildern meiner Webcam<\/a>. (Bilder alle unter <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/publicdomain\/zero\/1.0\/\">CC-0<\/a>, soweit keine anderen Personen darin sichtbar sind)<\/p>\n<p>Entstanden sind diese zwischen 2001 und 2008. In diesem Zeitraum zeigte ich ein Live-Bild meiner Webcam, das automatisch alle paar Minuten aktualisiert wurde, wenn mein Computer lief (und die Webcam nicht von Hand deaktiviert).<\/p>\n<p>Die zum Upload verwendete Software l\u00f6schte alte Fotos automatisch. Ich habe nur ab und an mal eine Kopie angelegt, deswegen sind nur wenige Zeiten abgedeckt. Von Hand abgeschaltet habe ich die Cam \u00fcblicherweise, wenn ich Besuch hatte, wenn ich Dinge tat, die man ohne Alterspr\u00fcfung nicht \u00f6ffentlich zeigen darf oder wenn ich wollte, dass ich gegen\u00fcber Bekannten mit Internetzugang als &#8220;offline&#8221; erscheine.<\/p>\n<p>Hier kommt dann auch die Informationelle Selbstbestimmung ins Spiel. Ich war und bin sehr froh dar\u00fcber, jederzeit die Kontrolle dar\u00fcber zu haben, was \u00f6ffentlich gesehen wird und was nicht. Deswegen f\u00fchlte ich mich durch die Webcam auch nicht eingeschr\u00e4nkt. Ich wusste, dass ich sie jederzeit deaktivieren kann, wenn ich das m\u00f6chte. Menschen brauchen diese Freir\u00e4ume, davon bin ich fest \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Das eigentliche Themenkomplex &#8220;Kontrollverlust \/ Post Privacy&#8221; ist mit dieser ganzen Diskussion deswegen auch gar nicht ber\u00fchrt. Ebenso die Frage, wie weit es gerechtfertigt ist, dass Datenschutz andere Freiheiten einschr\u00e4nkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teaser: Am Ende des Beitrags gibt es einen Link zu einem 100 MB gro\u00dfen Archiv mit \u00fcber 4000 privater Fotos. Die Spackeria ruft heute am 28.1. den Open in Public Day aus. 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