{"id":377,"date":"2011-05-05T20:23:49","date_gmt":"2011-05-05T18:23:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/?p=377"},"modified":"2011-05-05T20:26:26","modified_gmt":"2011-05-05T18:26:26","slug":"tradition-jesus-judentum-und-datenschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2011\/05\/tradition-jesus-judentum-und-datenschutz\/","title":{"rendered":"Tradition (Jesus, Judentum und Datenschutz)"},"content":{"rendered":"<p>Das meiste, was Menschen tun, ergibt irgendeinen Sinn, hat einen sinnvollen Grund, wieso es getan wird. Es ist aber auch so, dass menschliche Handlungsweisen die Tendenz haben, sich manchmal zu Traditionen zu entwickeln, das bedeutet, dass die Handlungsweise weitergef\u00fchrt wird, obwohl der eigentliche Grund gar nicht mehr unbedingt besteht. Traditionen k\u00f6nnen ein Eigenleben entwickeln und sich so ver\u00e4ndern, dass eine Verbindung zum urspr\u00fcnglichen Grund gar nicht mehr existiert, vielleicht sogar gar nicht erkennbar ist oder der urspr\u00fcnglichen Intention sogar zuwiderl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n sieht man das bei religi\u00f6sen Traditionen. Der j\u00fcdische Glaube ist eine wahre Fundgrube an Traditionen, die ein Eigenleben entwickelt und sich nicht nur ver\u00e4ndert haben, sondern durch permanente Neuinterpretation und Ausweitung geradezu absurde Ausw\u00fcchse gebildet haben.<\/p>\n<h3>I can haz cheezburger?<\/h3>\n<p>So gibt es in den j\u00fcdischen Speisevorschriften eine strikte <a href=\"http:\/\/www.payer.de\/judentum\/jud504.htm#6.\">Trennung zwischen \u201efleischigen\u201c und \u201emilchigen\u201c Speisen<\/a>. Isst man eine Mahlzeit, in der Fleisch in irgendeiner Form enthalten ist, so darf man f\u00fcr mehrere Stunden keine Mahlzeit zu sich nehmen, die Milch- oder Milchprodukte enth\u00e4lt. Ein Cheese-Burger kommt f\u00fcr einen gl\u00e4ubigen Juden also nicht in Frage.<\/p>\n<p>Das ist aber noch nicht das Ende. Inzwischen hat sich eine Tradition gebildet, dass fleischige und milchige Speisen \u00fcberhaupt nicht miteinander in Ber\u00fchrung kommen d\u00fcrfen. Das geht so weit, dass streng praktizierende j\u00fcdische Haushalte zwei separate Sets Geschirr, zwei Sets Bestecke und zwei Sets Kocht\u00f6pfe besitzen, jeweils einmal f\u00fcr fleischige und einmal f\u00fcr milchige Speisen. Die Geschirre, Bestecke und T\u00f6pfe sind gekennzeichnet, damit man eines davon nicht ausversehen im falschen Kontext verwendet. Teilweise existieren sogar getrennte Geschirrsp\u00fclmaschinen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck geht diese Trennung auf einen Vers in der Thora: &#8220;Und sollst das B\u00f6cklein nicht kochen in seiner Mutter Milch&#8221; (Exodus 23,19) Nach aktuellem Stand der Wissenschaft gab es zur Zeit der Entstehung dieses Verses eine benachbarte Volksgruppe, die tats\u00e4chlich als Teil ihrer religi\u00f6s-kulturellen Tradition zu bestimmten Anl\u00e4ssen eine junge Ziege in der Milch der Mutter kochte. Bei dem Bibelvers handelt es sich also um ein Verbot, einen Ritus einer konkurrierenden Religion zu praktizieren. Sinnvollerweise erscheint der Bibelvers demnach auch nicht im Kontext sonstiger Speisevorschriften, sondern im Kontext von Vorschriften zu Opfergaben und religi\u00f6sen Festen. Die heute daraus entstandene radikale Trennung zwischen fleischigen und milchigen Speisen hat mit dem urspr\u00fcnglichen Zweck der Regel gar nichts mehr zu tun.<\/p>\n<h3>Sabbat<\/h3>\n<p>\u00c4hnlich beim Gebot der Sabbatruhe. Der Zweck, einen Tag in der Woche zu haben, der der Erholung dient, ist nachzuvollziehen, und auch heute haben wir ja im Grundgesetz, ganz unabh\u00e4ngig vom religi\u00f6sen Motiv das Konzept eines Tages der Erholung und Arbeitsruhe verankert.<\/p>\n<p>Im orthodoxen Judentum haben sich in der Zwischenzeit die Regelungen, die die Einhaltung der Arbeitsruhe (vor allem den Schutz von Sklaven, Knechten und Ehefrauen) garantieren sollten, verselbst\u00e4ndigt. Das Verbot, Feuer zu machen, wird heute auch auf das Einschalten elektronischer Ger\u00e4tschaften angewendet. Dabei wird nur die\u00a0 Regel w\u00f6rtlich ausgelegt und nicht der urspr\u00fcnglich dahinter stehende Sinn verfolgt. Was dazu f\u00fchrt, dass dann z.B. in Hotels <a href=\"http:\/\/youtu.be\/0Psf6atoivI\">Fahrst\u00fchle eingerichtet werden<\/a>, die den Sabbat \u00fcber einfach immer laufen und jedes Stockwerk anfahren; denn das Bet\u00e4tigen von Bedienkn\u00f6pfen am und im Aufzug w\u00fcrde ja elektrische Signale erzeugen, was als \u201eFeuermachern\u201c und damit als Brechen der Sabbatruhe gesehen wird.<\/p>\n<p>Schon vor 2000 Jahren hat Jesus (oder die Person, die die zugeh\u00f6rige Geschichte ersonnen hat) den Gegensatz zwischen dem w\u00f6rtlichen Ausleben einer Regel und dem Verfolgen des urspr\u00fcnglichen Zwecks der Regelung verstanden und <a href=\"http:\/\/www.bibleserver.com\/text\/LUT\/Markus2,23\">darauf hingewiesen<\/a>: \u201eDer Sabbat ist f\u00fcr den Menschen da, nicht der Mensch f\u00fcr den Sabbat\u201c (Markus 2,23-28).<\/p>\n<h3>Gesetze<\/h3>\n<p>\u00c4hnliche teilweise absurde Traditionen findet man nat\u00fcrlich auch in anderen Religionen und generell in kulturellen Br\u00e4uchen und Traditionen, z.B. auch im deutschen Rechtssystem. Besonders deutlich wird dies bei den Steuergesetzen, wo es viele Steuern gibt, die einmal f\u00fcr einen bestimmten Zweck eingef\u00fchrt und erhoben wurden, der heute absolut nicht mehr gegeben ist. Bekanntestes Beispiel ist die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sektsteuer\">Sektsteuer<\/a>, die urspr\u00fcnglich mal die deutsche Kriegsflotte finanzieren sollte.<\/p>\n<h3>Internet<\/h3>\n<p>Das Internet ist ein Bereich, wo alle Entwicklungen enorm beschleunigt ablaufen. Es ist also zu erwarten, dass der Effekt, dass irgendwann mal sinnvolle Regeln keinen Sinn mehr ergeben, hier geh\u00e4uft auftreten wird.<\/p>\n<p>Bei E-Mails gibt es zum Beispiel einen Standard, der besagt, dass Textzeilen maximal 72 Zeichen lang sein sollen. Eingef\u00fchrt wurde dieser, um E-Mails auf den damals vorhandenen Textbildschirmen mit maximal 80 Zeichen Spaltenbreite darstellen zu k\u00f6nnen. Heute hat jedes Ger\u00e4t, das E-Mail-Inhalte darstellen soll, ausreichend Rechenpower (und die notwendigen Funktionen in Programmiersprachen sind ohne Aufwand umsetzbar), um gegebenenfalls einen sinnvollen Textumbruch auf dem Bildschirm je nach Platz automatisch durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Regel existiert trotzdem noch im Standard und tats\u00e4chlich wird heute einiges an Aufwand getrieben, um diesen Standard intern beizubehalten, es aber vor allen beteiligten E-Mail-Sendern und -Empf\u00e4ngern zu verstecken.<\/p>\n<h3>Datenschutz<\/h3>\n<p>Auch im Datenschutz ist diese Entwicklung zu beobachten. Die aktuellen Datenschutzgesetze entstanden in einer Zeit, als es Datenbanken nur in Serverr\u00e4umen in Gro\u00dfunternehmen oder Universit\u00e4ten gab und Datenaustausch zwischen entfernten Rechnern fast ausschlie\u00dflich \u00fcber dedizierte Leitungen oder den Versand von Magnetb\u00e4ndern oder gelochten Papierbahnen realisiert wurde.<\/p>\n<p>Heute sammelt fast jede Privatperson auf ihren PCs, Laptops und Handys massenweise pers\u00f6nliche Daten. Viele Menschen bewegen sich mehrere Stunden pro Tag im Internet, um dort berufliche oder private Dinge zu erledigen. Mein Provider speichert f\u00fcr mich per IMAP massenweise private und gesch\u00e4ftliche E-Mails auf seinen Servern, ohne dass wir eine eigentlich nach Datenschutzrecht notwendige Vereinbarung getroffen h\u00e4tten, wie mit diesen Daten umzugehen ist. Auch die Personen, die mit mir E-Mail-Kontakt haben, wissen nicht, wo ihre E-Mails letztendlich landen und physisch gespeichert werden.<\/p>\n<p>Dass g\u00e4ngige Netz-Praktiken wie das Einbinden von Inhalten von fremden Servern deutschem Datenschutzrecht widersprechen, wurde ja bereits <a title=\"Datenschutz vergessen im Internet\" href=\"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2011\/04\/datenschutz-vergessen-im-internet\/\">in einem anderen Blogpost<\/a> besprochen.<\/p>\n<h3>Datenschutzerkl\u00e4rung<\/h3>\n<p>Besonders absurd ist die Sache mit den Datenschutzerkl\u00e4rungen. In der Piratenpartei macht dies aktuell gerade wieder die Runde. Wie schon<a title=\"Funkfeuer statt Buschtrommel\" href=\"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2011\/04\/funkfeuer-statt-buschtrommel\/\"> in einem anderen Blogpost<\/a> erw\u00e4hnt, ist der Zugang zu Funkfeuer daran gebunden, dass eine Datenschutzerkl\u00e4rung unterschrieben und an die Bundesgesch\u00e4ftsstelle der Piratenpartei gesendet wird. Da genau dieser Schritt aktuell nicht wirklich rund l\u00e4uft, wird die praktische Einf\u00fchrung von Funkfeuer in der Breite dadurch verz\u00f6gert.<\/p>\n<p>Das Unterschreiben einer Datenschutzerkl\u00e4rung hilft aber dem eigentlichen Ziel des Datenschutzes, dem besseren Schutzes vertraulicher Daten kein bisschen. Nat\u00fcrlich wissen die Leute, dass sie mit den Daten vertraulich umgehen m\u00fcssen. Die Tatsache, dass sie dies unterschreiben, unterst\u00fctzt sie kein bisschen dabei, dies dann auch tats\u00e4chlich in der Praxis umzusetzen. Eine Schulung, ein Dokument, das die wichtigsten Basics erkl\u00e4rt oder andere Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnten das Ziel sehr viel besser erreichen.<\/p>\n<p>Oder wie Jesus sagen w\u00fcrde: \u201eDer Datenschutz ist f\u00fcr den Menschen da, nicht der Mensch f\u00fcr den Datenschutz.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das meiste, was Menschen tun, ergibt irgendeinen Sinn, hat einen sinnvollen Grund, wieso es getan wird. 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