{"id":311,"date":"2011-03-22T15:53:46","date_gmt":"2011-03-22T14:53:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/?p=311"},"modified":"2011-03-22T16:50:43","modified_gmt":"2011-03-22T15:50:43","slug":"zwangslaufigouting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2011\/03\/zwangslaufigouting\/","title":{"rendered":"Zwangsl\u00e4ufigouting"},"content":{"rendered":"<h3>Vorgeschichte<\/h3>\n<p>Ich habe heute auf Twitter den Begriff &#8220;Zwangsl\u00e4ufigouting&#8221; erfunden (Google findet jedenfalls noch keine Fundstelle daf\u00fcr). Ich m\u00f6chte hier kurz erkl\u00e4ren, was ich damit meine. Details folgen eventuell irgendwann sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>In einem Schlagabtausch auf Twitter zwischen <a href=\"http:\/\/twitter.com\/cfritzsche\">@cfritzsche<\/a> und <a href=\"http:\/\/twitter.com\/CaeVye\">@CaeVye<\/a> ging es um die Frage von Schutzr\u00e4umen, \u00d6ffentlichkeit und Privatsph\u00e4re. Wie so oft wurde das Thema Homosexualit\u00e4t gew\u00e4hlt und es wurde \u00fcber den Unterschied zwischen Zwangsoutings und Coming-Outs gesprochen. Hier habe ich den Begriff &#8220;Zwangsl\u00e4ufigouting&#8221; eingeworfen.<\/p>\n<p>Bei einem Coming-Out entscheidet sich ein Schwuler oder eine Lesbe dazu, die eigene Homosexualit\u00e4t gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit, einer bestimmten Personengruppe oder einzelnen Personen offenzulegen. Es handelt sich um einen freiwilligen Schritt, dem ein &#8220;inneres Coming-Out&#8221; vorhergehen muss, d.h. erst einmal selbst zu erkennen und sich selbst einzugestehen, nicht 100% heterosexuell veranlagt zu sein.<\/p>\n<p>Ein Zwangsouting liegt vor, wenn man gegen den Willen einer Person deren Homosexualit\u00e4t \u00f6ffentlich macht. Grunds\u00e4tzlich sind solche Zwangsoutings abzulehnen. Sie k\u00f6nnen enorme Nachteile f\u00fcr die betroffenen Personen haben, bis hin zum Suizid oder in besonders r\u00fcckst\u00e4ndigen Kulturen tats\u00e4chlichen Morden, vermeintlich um die Ehre einer Familie oder einer Gemeinschaft wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Bei in der \u00d6ffentlichkeit stehenden Personen wie Politikern oder Geistlichen, die nach au\u00dfen hin sehr homophob auftreten, im Geheimen aber homosexuell sind und das auch ausleben, kann man meiner Meinung nach dar\u00fcber diskutieren, ob ein Zwangsouting nicht angebracht und ethisch vertretbar ist.<\/p>\n<h3>Zwangsl\u00e4ufigouting<\/h3>\n<p>Anders als viele meinen, geht es bei der Diskussion um den Post Privacy-Begriff aber nicht um Zwangsoutings. Es geht nicht darum, dass jeder dazu gezwungen werden soll, sein Privatleben offenzulegen. Es geht um etwas ganz anderes, n\u00e4mlich eine dritte Kategorie: Zwangsl\u00e4ufigoutings.<\/p>\n<p>Was ist damit gemeint? Ein Beispiel: Eine Lesbe wei\u00df, dass ihr Arbeitgeber Homosexualit\u00e4t nicht toleriert und sie vermutlich entlassen w\u00fcrde, falls er von ihrer Homosexualit\u00e4t erf\u00e4hrt. Sie hat also ein Bed\u00fcrfnis, dass der Arbeitgeber nichts von ihrer Homosexualit\u00e4t erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig lebt sie in einer Partnerschaft und hat das Bed\u00fcrfnis, diese Partnerschaft frei und ungezwungen auszuleben.<\/p>\n<p>Diese beiden Bed\u00fcrfnisse widersprechen sich, da ein freies Ausleben ihrer Partnerschaft mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit <em>zwangsl\u00e4ufig<\/em> dazu f\u00fchrt, dass ihr Arbeitgeber irgendwann etwas davon erf\u00e4hrt, selbst wenn dieser gar nicht aktiv nachforscht.<\/p>\n<p>Beispiele:<\/p>\n<ul>\n<li>Eine eingetragene Lebenspartnerschaft steht im n\u00e4chsten Jahr auf der Lohnsteuerkarte<\/li>\n<li>Hand in Hand im Park spazieren gehen: Auch Chefs und Kollegen gehen gerne im Park spazieren<\/li>\n<li>Der Arbeitgeber oder ein Kollege ruft zuhause an, weil eine dringende betriebliche Frage gekl\u00e4rt werden muss, und die Partnerin geht ans Telefon<\/li>\n<li>Eine Gl\u00fcckwunschanzeige f\u00fcr das Partnerschaftsjubil\u00e4um erscheint in der Zeitung<\/li>\n<li>Im Hintergrund eines Pressefotos sind die beiden Frauen k\u00fcssend in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone zu sehen<\/li>\n<li>Die Frau ist bei einem Freund zu einer Party eingeladen und bringt ihre Partnerin mit. Ratet mal, wer zuf\u00e4lligerweise noch da ist.<\/li>\n<li>usw&#8230;<\/li>\n<li>&#8230;<\/li>\n<li>&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es gibt viele vorhersehbare und unvorhersehbare Situationen, die zu einem Zwangsl\u00e4ufigouting f\u00fchren k\u00f6nnen. Post Privacy sagt, dass die Menge dieser Situationen in Anbetracht des Internet als neuer Hyper-\u00d6ffentlichkeit exponentiell zunehmen werden.<\/p>\n<p>Wo liegt die L\u00f6sung? Der Privacy-Ansatz bietet keine mittel- oder langfristige L\u00f6sung. Setzt er doch bei den betroffenen Personen voraus, jegliche Situation zu vermeiden, die zu einem Zwangsl\u00e4ufigouting f\u00fchren k\u00f6nnte:<\/p>\n<ul>\n<li>Keine Lebenspartnerschaft eingehen<\/li>\n<li>Nicht gemeinsam im Park spazieren gehen<\/li>\n<li>Kein gemeinsames Telefon<\/li>\n<li>Keine Gl\u00fcckw\u00fcnsche in der Zeitung<\/li>\n<li>Nicht in der \u00d6ffentlichkeit k\u00fcssen<\/li>\n<li>Nicht zusammen zu Parties gehen, zu denen nicht nur ein enger Personenkreis eingeladen ist<\/li>\n<li>usw&#8230;<\/li>\n<li>&#8230;<\/li>\n<li>&#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Alles enorme Einschr\u00e4nkungen der pers\u00f6nlichen Freiheit und der Entfaltung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit. Post Privacy sagt voraus, dass diese Einschr\u00e4nkungen in Zukunft noch zunehmen werden, da eine zunehmende Zahl von Aktionen der Entfaltung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit zu potentiellem Zwangsl\u00e4ufigouting f\u00fchren werden.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen also an L\u00f6sungen arbeiten, die dieses Problem mit anderen Strategien als Verschwiegenheit l\u00f6sen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorgeschichte Ich habe heute auf Twitter den Begriff &#8220;Zwangsl\u00e4ufigouting&#8221; erfunden (Google findet jedenfalls noch keine Fundstelle daf\u00fcr). Ich m\u00f6chte hier kurz erkl\u00e4ren, was ich damit meine. Details folgen eventuell irgendwann sp\u00e4ter. 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