{"id":201,"date":"2010-09-06T04:13:46","date_gmt":"2010-09-06T02:13:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/?p=201"},"modified":"2010-09-06T04:31:51","modified_gmt":"2010-09-06T02:31:51","slug":"sarrazin-und-die-homo-ehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2010\/09\/sarrazin-und-die-homo-ehe\/","title":{"rendered":"Sarrazin und die Homo-Ehe"},"content":{"rendered":"<p>Nochmal etwas zu Sarrazins Buch &#8220;Deutschland schafft sich ab&#8221;: Er besch\u00e4ftigt sich in einem Teil davon mit der These, dass man Mitglieder der &#8220;gehobenen Schichten&#8221; dazu animieren m\u00fcsste, mehr Kinder in die Welt zu setzen, um zu verhindern, dass das Land immer mehr verdummt. Warum diese These Unfug ist, hat z.B. der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e.V.<a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news384817\"> in einer Pressemeldung<\/a> beschrieben. Auch Andrea Thum hat dazu <a href=\"http:\/\/www.scienceblogs.de\/andererseits\/2010\/08\/sarrazins-kopftuchmadchen.php\">einen guten Blogpost<\/a> geschrieben. Ich m\u00f6chte hier darauf nicht eingehen, sondern auf einen seiner Vorschl\u00e4ge hinweisen, wie man dies erreichen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dieser Vorschlag zeigt, wie unsinnig und wenig durchdacht die Thesen im Buch sind und wie wenig Empathie Sarrazin f\u00fcr seine Mitmenschen \u00fcbrig hat.<\/p>\n<p>In Kapitel 8 &#8220;Demografie und Bev\u00f6lkerungspolitik &#8211; Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu sp\u00e4t ist&#8221;\u00a0 schreibt er:<\/p>\n<blockquote><p>Die Menschen heiraten sp\u00e4ter, sie trennen sich h\u00e4ufiger, und sie bleiben weit \u00f6fter unverheiratet als fr\u00fcher. Auch wenn man die wachsende Zahl von Lebensgemeinschaften ohne Trauschein zu den Ehen dazuz\u00e4hlt, \u00e4ndert sich an diesem Bild nichts. Dies dr\u00fcckt die Geburtenrate und nimmt vielen Kindern die M\u00f6glichkeit, in einer vollst\u00e4ndigen Familie mit Geschwistern aufzuwachsen. Die Statistik zeigt zudem, dass aus dauerhaften Partnerschaften h\u00e4ufiger und nicht selten auch mehr Kinder hervorgehen als aus kurzlebigen Beziehungen.<\/p>\n<p>Was kann der Staat also tun, um die Neigung zu dauerhaften Partnerbindungen zu f\u00f6rdern? Das Grundgesetz stellt Ehe und Familie unter seinen besonderen Schutz. Dieser ist allerdings im Laufe der Jahrzehnte zur Leerformel geworden. Der einzige Sinn einer Privilegierung der Ehe besteht darin, sie als bevorzugten Ort der Zeugung und Erziehung von Kindern zu sch\u00fctzen. Wo Kinder nicht gezeugt werden k\u00f6nnen, ist die Privilegierung von Partnerschaften aber generell sinnlos. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind eine Angelegenheit sui generis und haben mit einer Ehe h\u00f6chstens in dem Sinne zu tun, dass zwei Menschen zusammenleben und vielleicht auch sexuelle Beziehungen haben. Kinder, um die es beim Schutz der Ehe ganz wesentlich geht, sind hier allerdings nicht zu erwarten. Der Sinn der Privilegierung der Ehe war es, daf\u00fcr einen staatlich gesch\u00fctzten Raum zu erzeugen.<\/p>\n<p>Nachdem die familien-, unterhalts- und erbrechtlichen Vorteile der Ehe und der aus ihr hervorgehenden Kinder weitgehend beseitigt worden sind, ist von der Privilegierung nur eine leere H\u00fclse geblieben. Das soll hier nicht beklagt werden, es liegt eine gesellschaftspolitische Logik darin, aber es ist doch festzustellen, dass damit der ehelichen Bindung und somit der dauerhaften Partnerschaft jeglicher institutioneller Reiz genommen wurde.<\/p>\n<p>Wenn man davon ausgeht, dass m\u00f6glichst viele dauerhafte Partnerschaften von M\u00e4nnern und Frauen erstens die potentielle Zahl der Kinder erh\u00f6hen und zweitens die beste Voraussetzung f\u00fcr deren Gedeihen und gute Erziehung sind, dann sollte man die Attraktivit\u00e4t und die gesellschaftliche Wertsch\u00e4tzung dauerhafter Partnerschaften so st\u00fctzen und f\u00f6rdern, dass dies auch das gesellschaftliche Klima beeinflusst. Menschen glauben zwar immer, sie agierten vorrangig aus individuellen Antrieben und eigener Entscheidung, in Wahrheit reagieren sie aber zu gro\u00dfen Teilen vorrangig auf die Erwartungen der Gesellschaft und folgen diesen gerne, solange das nicht ihren Instinkten widerspricht oder unmittelbare Nachteile mit sich bringt.<\/p>\n<p>Wie man ein gesellschaftliches Klima, das dauerhafte Partnerschaften zwischen M\u00e4nnern und Frauen besonders wertsch\u00e4tzt, schafft und erh\u00e4lt, ist eine Frage mit vielen Facetten. Auf jeden Fall muss der Eindruck vermieden werden, jede Form von sozialer Organisation habe f\u00fcr die Gesellschaft denselben Wert<\/p><\/blockquote>\n<p>Kurz gesagt: &#8220;Weil Schwule und Lesben heiraten d\u00fcrfen, haben Heteros weniger Kinder&#8221;. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Schlussfolgerung absolut unsinnig ist (Wieso sollte die Gleichstellung von homosexuellen Paaren die Fruchtbarkeit von heterosexuellen Paaren negativ beeinflussen), verkennt Sarrazin hier, dass ja eben auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Kinder aufgezogen (z.B. nach Adoption) und sogar gezeugt (mithilfe von Leihm\u00fcttern und Leihv\u00e4tern) werden.<\/p>\n<p>Dass Partnerschaften heute im Durchschnitt nicht so lange halten, instabiler und flexibler sind, ist eine begr\u00fc\u00dfenswerte Sache. Es bedeutet n\u00e4mlich, dass Menschen freier in ihren Entscheidungen sind. Frauen und M\u00e4nner werden nicht mehr durch gesellschaftlichen Druck gezwungen zusammen zu bleiben, auch wenn sie sich eigentlich nicht gut verstehen. Frauen akzeptieren es -Pasta sei Dank- nicht mehr so leicht, wenn sie in der Ehe unterdr\u00fcckt und misshandelt werden.<\/p>\n<p>Im Grundgesetz kann ich auch nirgends lesen, dass der Sinn von Schutz und Ehe, wie Sarrazin behauptet, alleine oder auch nur vorrangig darin best\u00fcnde, f\u00fcr Nachwuchs zu sorgen. Meinem Verst\u00e4ndnis nach haben Ehe und Familie eine mindestens genauso wichtige Aufgabe darin, als Solidargemeinschaften, in denen Menschen Verantwortung f\u00fcreinander \u00fcbernehmen, die Keimzelle unserer auf Solidarit\u00e4t und Gemeinschaft aufgebauten Gesellschaft zu bilden.<\/p>\n<p>Es ist absolut menschenunw\u00fcrdig, Partnerschaft, Ehe und Familie allein auf den Zweck der Reproduktion zu beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Sarrazin singt hier ein Loblied auf die Idee der &#8220;Kernfamilie&#8221;, in der &#8220;Kinder in einer vollst\u00e4ndigen Familie mit Geschwistern aufwachsen&#8221;. Tats\u00e4chlich ist das Modell der Kernfamilie aber eigentlich ein relativ junges. Arch\u00e4ologen und Anthropologen k\u00f6nnen zeigen, dass das am weitesten verbreitete und nat\u00fcrlichste Modell eigentlich das einer erweiterten Gro\u00dffamilie ist, in der Eltern sich nicht vornehmlich um ihre eigenen Kinder k\u00fcmmern, sondern alle Kinder einer Stammes- oder Dorfgemeinschaft von den \u00e4lteren Mitgliedern der Gemeinschaft beaufsichtigt werden, w\u00e4hrend sich die Elterngeneration nicht um Kindererziehung, sondern vor allem um den Lebensunterhalt k\u00fcmmert. Kinder leben und lernen in diesem Modell vor allem in der Gemeinschaft ihrer gleichaltrigen Peer-Group.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nochmal etwas zu Sarrazins Buch &#8220;Deutschland schafft sich ab&#8221;: Er besch\u00e4ftigt sich in einem Teil davon mit der These, dass man Mitglieder der &#8220;gehobenen Schichten&#8221; dazu animieren m\u00fcsste, mehr Kinder in die Welt zu setzen, um zu verhindern, dass das &hellip; <a href=\"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2010\/09\/sarrazin-und-die-homo-ehe\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,57],"tags":[87,88,37,8,89,29,86],"class_list":["post-201","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik","category-religion","tag-ehe","tag-familie","tag-freiheit","tag-gleichberechtigung","tag-homosexualitat","tag-pluralismus","tag-sarrazin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/201","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=201"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":204,"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions\/204"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}