{"id":134,"date":"2010-08-06T17:39:31","date_gmt":"2010-08-06T15:39:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/?p=134"},"modified":"2010-08-06T18:53:21","modified_gmt":"2010-08-06T16:53:21","slug":"post-privacy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2010\/08\/post-privacy\/","title":{"rendered":"Post Privacy"},"content":{"rendered":"<p>Privacy (Privatsph\u00e4re) ist ein Thema im Grundsatzprogramm der weltweiten Piratenparteien.<\/p>\n<h2>Wozu Privatsph\u00e4re?<\/h2>\n<p>Menschen sind nicht genormt. Menschen sind unterschiedlich. Jeder hat eigene Eigenarten, Veranlagungen und Bed\u00fcrfnisse. Anderssein wird aber innerhalb von Gruppen h\u00e4ufig abgestraft. Wer von den Normen der Gruppe abweicht, wird ausgeschlossen oder verliert seinen Status und seine Anerkennung. In Extremf\u00e4llen drohen Gewalt und Tod. Privatsph\u00e4re ist der Versuch, zu erreichen, dass jemand keine Nachteile erf\u00e4hrt, nur weil er anders ist und von bestimmten Normen abweicht.<\/p>\n<h2>Privatsph\u00e4re und Datenschutz das selbe?<\/h2>\n<p>In Deutschland liegt das Hauptaugenmerk innerhalb und au\u00dferhalb der Piratenpartei dabei auf dem Aspekt Datenschutz. Die Reduktion von Privatsph\u00e4re auf Datenschutz \u00fcbersieht aber einige wichtige Aspekte.<\/p>\n<h2>Datenschutz funktioniert mittelfristig nicht<\/h2>\n<p>Datenschutz im Sinne des Geheimhaltens von pers\u00f6nlichen Informationen ist mittelfristig technisch nicht garantierbar. Je weiter sich vor allem die Nanotechnologie entwickelt und je mehr informationsverarbeitende Systeme das Leben dominieren, desto unm\u00f6glicher wird es, zu verhindern, dass pers\u00f6nliche Informationen \u00fcber Menschen gesammelt werden.<\/p>\n<p>Jeder Versuch, dies durch technische Ma\u00dfnahmen einzugrenzen, f\u00fchrt nicht zu mehr Datenschutz, sondern dazu, dass nur noch Organisationen diese Ma\u00dfnahmen umgehen k\u00f6nnen, die \u00fcber die entsprechenden finanziellen und technischen M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgen. Es entstehen hier Informationsmonopole, die deutlich abzulehnen sind.<\/p>\n<p>Wenn es nicht verhindert werden kann, dass Informationen gesammelt und konzentriert werden k\u00f6nnen, dann muss sichergestellt sein, dass jeder die gleichen M\u00f6glichkeiten zum Zugriff auf diese Information hat, so dass nicht bestimmte Organisationen sich durch ihren Informationsvorsprung Vorteile verschaffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p><em>Alle Informationen stehen bereit<br \/>\nDoch niemand der sie gerecht verteilt<\/em><\/p><\/blockquote>\n<h2>Es ist erstrebenswerter, seine Daten nicht sch\u00fctzen zu m\u00fcssen<\/h2>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist Datenschutz im Sinne des Geheimhaltens von pers\u00f6nlichen Informationen auch eigentlich nur ein Workaround f\u00fcr das grundlegende Problem des Umgang von Gruppen mit Anderssein und bringt selbst Nachteile mit sich. W\u00fcrde das grundlegende Probleme entsch\u00e4rft, g\u00e4be es sehr viel weniger Bedarf f\u00fcr Datenschutz, aber die Freiheit von Menschen w\u00fcrde zunehmen.<\/p>\n<p>Das Ver\u00f6ffentlichen von pers\u00f6nlichen Informationen ist n\u00e4mlich etwas, das man eigentlich tun m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Schwule m\u00f6chten \u00f6ffentlich dazu stehen d\u00fcrfen, dass sie schwul sind. Nur so k\u00f6nnen sie dann auch offen ihre Neigungen ausleben, Partner finden und eine Familie gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Wenn jemand nicht gl\u00e4ubig ist, m\u00f6chte er \u00f6ffentlich dazu stehen k\u00f6nnen und nicht dazu gezwungen werden, an religi\u00f6sen Veranstaltungen teilzunehmen und alle Menschen um ihn herum zu bel\u00fcgen. Das gleiche gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr jemanden, der einen bestimmten Glauben hat: Er m\u00f6chte ihn offen ausleben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn jemand an einer heute als peinlich betrachteten Krankheit leidet, ist es besser f\u00fcr ihn, wenn er andere Betroffene finden und sich mit ihnen austauschen kann und wenn die Leute um ihn herum wissen, warum f\u00fcr ihn manche Dinge nicht funktionieren und er nicht seine Umgebung st\u00e4ndig bel\u00fcgen muss.<\/p>\n<p>Der Ansatz des Datenschutzes kann nur kleine abgeschlossen R\u00e4ume (private Sph\u00e4ren) schaffen, in denen ein Mensch anders sein darf. Im Extremfall ist dieser Raum auf sein eigenes Gehirn beschr\u00e4nkt. Er darf zwar wissen, dass er anders ist, er darf dies aber niemandem sagen oder sich entsprechend verhalten, ohne Nachteile bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Besser w\u00e4re es, ganz offen anders sein zu d\u00fcrfen, ohne Nachteile bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h2>Alternative: Privatsph\u00e4re ohne Datenschutz?<\/h2>\n<p>Die technische und kulturelle Weiterentwicklung hin zur Informationsgesellschaft schafft nicht nur Probleme, indem sie den Datenschutz aushebelt, sie schafft\u00a0 gleichzeitig auch Alternativen, die meiner Meinung nach sehr viel mehr Vorteile haben:<\/p>\n<h3>Dynamische Gruppenbildung<\/h3>\n<p>Traditionell kann man nicht aussuchen, in welchen Gruppen man sich bewegt. Man wurde in eine Familie geboren und hat sein ganzes Leben in dieser verbracht. Man wurde in eine Dorfgemeinschaft geboren und hat sein ganzes Leben in dieser verbracht. Man musste zwangsl\u00e4ufig an einem bestimmten Ort mit bestimmten Menschen arbeiten und das \u00e4nderte sich nie.<\/p>\n<p>In dieser Umgebung war ein Ausschluss aus der Gruppe oder ein Statusverlust nat\u00fcrlich ein enormer Nachteil. Das konnte man nicht riskieren.<\/p>\n<p>Schon heute in den urbanen Gegenden der fr\u00fcheren Industriestaaten stimmt dies nicht mehr. Hier kann man sehr flexibel die Zugeh\u00f6rigkeit zu bestimmten Gruppen wechseln. Man kann andere Menschen finden, die besser zu einem passen und bei denen man so sein darf, wie man sein will. Der \u00f6ffentliche Umgang mit seinen pers\u00f6nlichen Informationen ist dabei eine Grundvoraussetzung. Wer seine Eigenarten nicht bewirbt, kann niemanden finden, der so \u00e4hnlich ist.<\/p>\n<p>Das Internet dient dabei als gro\u00dfer Urbanisierer der Welt. Jeder kann von seinem Zuhause aus in die Welt, in das Global Village, hinaus rufen, wer er ist und Leute finden, die zu ihm passen, ohne dazu tats\u00e4chlich sein Local Village, seinen Wohnort kurzfristig verlassen zu m\u00fcssen. Das tut er dann eventuell sp\u00e4ter, wenn er wei\u00df, wo er eine zu ihm passende Gruppe gefunden hat.<\/p>\n<h3>Normalisierung des Anormalen<\/h3>\n<p>Die meisten Dinge, die als unanst\u00e4ndig oder anormal gelten, sind viel weiter verbreitet, als man denkt. Das ist einem nur deswegen oft nicht bewusst, weil sich ja jeder Betroffene nicht traut, dar\u00fcber zu reden. Auch die Betroffenen selbst wissen nicht, dass sie nicht so rare Ausnahmen sind und halten ihre &#8220;peinliche&#8221; private Eigenheit deswegen geheim.<\/p>\n<p>Je mehr Menschen mit einer bestimmten Eigenschaft \u00f6ffentlich dazu stehen, desto normaler und akzeptierter wird diese Eigenschaft automatisch auch.<\/p>\n<p>Ein Coming-Out f\u00fcr einen Schwulen ist heute viel einfacher, wo es im \u00f6ffentlichen Leben so viele bekannte Schwule gibt. Meine Mutter h\u00e4tte mein Coming-Out sicherlich nicht so gut verkraftet, h\u00e4tte sie nicht gewusst, dass Patrick Lindner auch schwul ist. Das hat sie mir so auch gesagt.<\/p>\n<p>Eine Internetbekanntschaft, die in Saudi Arabien aufgewachsen ist und jetzt in Gro\u00dfbritannien lebt, hat mir berichtet, wie viele Menschen in Saudi Arabien aus seinem Umfeld ihm bereits gestanden haben, nicht gl\u00e4ubig zu sein. Au\u00dfer im intimen Kreis traut sich das nat\u00fcrlich niemand dort zu sagen Er vermutet, es gibt sicherlich noch viel mehr, die es sich gar nicht zu sagen trauen, auch nicht im intimen Rahmen, zur Sicherheit. Man stelle sich einmal vor, was passieren w\u00fcrde, wenn an einem Tag 30% der Bev\u00f6lkerung in Saudi Arabien aufstehen und sagen &#8220;Wir glauben nicht an Gott und den Islam&#8221;. Wie k\u00f6nnte das ignoriert werden?<\/p>\n<h3>Kultur des Ignorierens und Vergessens<\/h3>\n<p>Der n\u00e4chste Schritt besteht dann darin, dass unsere Gesellschaft als ganzes dann irgendwann so vielf\u00e4ltig und heterogen ist, dass es gar keinen Sinn mehr macht, zu versuchen, Menschen in ein bestimmtes Normenschema pressen zu wollen. Die pers\u00f6nlichen Eigenheiten von Menschen werden dann dort, wo sie keine Relevanz besitzen, einfach ausgeblendet.<\/p>\n<p>Eine &#8220;Kultur des Wegsehens&#8221; wird zurecht als negativ bewertet, wenn es darum geht, wegzusehen, wenn jemand Probleme hat und Hilfe ben\u00f6tigt. Wenn sich aber eine Kultur entwickelt, bei der man irrelevante Details einfach ignoriert und \u00fcbersieht, so hat dies Vorteile.<\/p>\n<p>Wieso sollte ich jemanden, mit dem ich zusammen arbeite, auf einer anderen Grundlage bewerten als basierend darauf, welche Arbeit er leistet und wie die Zusammenarbeit klappt. Seine Eigenarten spielen dabei nur insofern eine Rolle, als ich einige davon vielleicht kennen muss, um gut mit ihm zusammen arbeiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Genauso muss auch die Erkenntnis Teil des \u00f6ffentlichen Bewusstseins werden, dass Menschen Fehler machen und sich und ihre Meinungen \u00e4ndern k\u00f6nnen. Es muss m\u00f6glich sein, Menschen nicht aufgrund ihrer vergangenen Fehler zu beurteilen, auch wenn man sich noch an sie erinnern kann. Man kann die Vergangenheit auch hinter sich lassen (&#8220;vergessen&#8221;), ohne dass Neuronenverkn\u00fcpfungen im Gehirn gel\u00f6st werden m\u00fcssen und ohne dass man Informationen in Medien und dem Netz l\u00f6scht (&#8220;Digitaler Radiergummi&#8221;).<\/p>\n<h2>Conclusio<\/h2>\n<p>Der bisherige Ansatz, Menschen vor negativen Folgen aufgrund ihrer pers\u00f6nlichen Eigenheiten zu sch\u00fctzen, besteht darin, diese Eigenheiten geheim zu halten. In einer zuk\u00fcnftigen Informationsgesellschaft wird dies zumindest teilweise durch einen neuen Ansatz ersetzt werden: Menschen werden vor negativen Folgen aufgrund ihrer pers\u00f6nlichen Eigenheiten gesch\u00fctzt sein, weil diese dann st\u00e4rker akzeptiert bzw. schlichtweg ignoriert werden. Auch wird es aufgrund der flexibleren Gruppenbildung die M\u00f6glichkeit geben, solchen Folgen einfacher auszuweichen.<\/p>\n<p>Dieser neuere Ansatz bietet f\u00fcr den Einzelnen sehr viel mehr Freiheit als der bisherige Ansatz &#8220;Datenschutz&#8221;.<\/p>\n<h2>Brauchen wir noch Datenschutz?<\/h2>\n<p>Auf Datenschutz k\u00f6nnen wir vorerst trotzdem nicht verzichten. Wir bewegen uns zwar in gro\u00dfen Schritten auf eine Informationsgesellschaft zu, in der oben gesagtes gelten wird, sind aber noch lange nicht dort angekommen. Solange dies nicht erreicht wird, sind wir weiterhin auf Datenschutz angewiesen.\u00a0 Man darf dem Einzelnen den Anspruch auf den Schutz seiner pers\u00f6nlichen Daten nicht verwehren.<\/p>\n<p>Dabei gibt es aber auch Grenzen. Zum einen kann Datenschutz nicht immer und \u00fcberall gelten. In bestimmten Situationen ist es im Interesse einer Gruppe, Transparenz einzufordern, um Nachvollziehbarkeit von gruppendynamischen Prozessen sicherstellen zu k\u00f6nnen. Eine Gruppe muss die M\u00f6glichkeit haben, den Datenschutz in f\u00fcr die Gruppe relevanten Bereichen einzuschr\u00e4nken, wenn es f\u00fcr Gruppenmitglieder entsprechende Ausweichm\u00f6glichkeiten gibt, wenn die Mitgliedschaft in der Gruppe kein Zwang ist und andere Gruppen existieren, in die einzelne ausweichen k\u00f6nnen, wenn sie nicht bereit sind, ihre Daten so weit zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Zum anderen muss zum freieren Umgang mit pers\u00f6nlichen Daten auf freiwilliger Basis ermuntert werden. Denn genau dieser freiere Umgang mit pers\u00f6nlichen Daten ist es ja, der die Voraussetzungen schafft, die die Notwendigkeit f\u00fcr Datenschutz verringern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Privacy (Privatsph\u00e4re) ist ein Thema im Grundsatzprogramm der weltweiten Piratenparteien. Wozu Privatsph\u00e4re? Menschen sind nicht genormt. Menschen sind unterschiedlich. Jeder hat eigene Eigenarten, Veranlagungen und Bed\u00fcrfnisse. Anderssein wird aber innerhalb von Gruppen h\u00e4ufig abgestraft. 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