{"id":125,"date":"2010-07-05T21:56:32","date_gmt":"2010-07-05T19:56:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/?p=125"},"modified":"2010-07-05T21:56:32","modified_gmt":"2010-07-05T19:56:32","slug":"rauchverbot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.neunbeere.de\/blog\/2010\/07\/rauchverbot\/","title":{"rendered":"Rauchverbot"},"content":{"rendered":"<p>Aufgrund des Volksentscheids am Wochenende in Bayern wird das Thema \u201eRauchverbote\u201c auch in der restlichen Republik wieder heftig diskutiert. Ich stehe bei dieser Frage auf der Seite der Verbotsbef\u00fcrworter, um den Schutz der Nichtraucher vor den Folgen des Passivrauchens zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Im Folgenden werde ich schildern, wie ich pers\u00f6nlich von der Einf\u00fchrung des Rauchverbots vor 3 Jahren in Baden-W\u00fcrttemberg profitierte und dann ausf\u00fchren, wieso Rauchverbote als staatliche Ma\u00dfnahmen, die in die Freiheit der B\u00fcrger eingreifen, in diesem Fall angemessen sind.<\/p>\n<h2>Anekdote<\/h2>\n<p>Anekdoten gelten in der Wissenschaft zu Recht nicht als Beweise. Sie k\u00f6nnen aber dazu dienen, wissenschaftlich bewiesene Fakten zu illustrieren. So auch in diesem Fall: Zahlreiche Studien belegen, dass es zu gesundheitlichen Nachteilen f\u00fchrt, wenn Menschen (sowohl Raucher als auch Nichtraucher) in gro\u00dfem Ma\u00dfe Passivrauch ausgesetzt sind. Meine pers\u00f6nliche Erfahrung best\u00e4tigt dies.<\/p>\n<p>Schon als Kind war ich besonders anf\u00e4llig f\u00fcr Erkrankungen der Atemwege. Ich war mehrmals wegen einer akuten Bronchitis einige Zeit bettl\u00e4gerig und hatte auch sonst sehr viel h\u00e4ufiger und heftiger Erk\u00e4ltungen als andere Kinder.<\/p>\n<p>Ende 2001 litt ich erneut an einer heftigen Bronchitis, die sich \u00fcber mehrere Wochen verst\u00e4rkte, bis ich fast gar keine Luft mehr bekam. Mein Hausarzt, gleichzeitig Pulmologe, diagnostizierte COPD und verschrieb mir von da an die t\u00e4gliche\u00a0 Behandlung mit Cortison (via Inhalations-Spray). \u00dcber mehrere Jahre musste ich diese Anwendung fortsetzen. Versuche, die Cortison-Behandlung zu reduzieren oder das Vers\u00e4umnis, rechtzeitig Nachschub an Spray zu besorgen, endeten immer in akuten Bronchitissch\u00fcben.<\/p>\n<p>Ab Ende 2007 war damit aber Schluss. Ich bemerkte irgendwann, dass meine Sprays schon seit mehreren Tagen oder Wochen leer waren, ohne dass ich irgendwelche negativen Folgen sp\u00fcrte. Seitdem kann ich komplett auf Kortison verzichten.<\/p>\n<p>Passenderweise war dies genau ein Viertel Jahr\u00a0 nach Einf\u00fchrung des Rauchverbots in Baden-W\u00fcrttemberg. In diesem Moment fiel mir auch noch ein anderer Zusammenhang auf. Ich hatte etwa Ende 1999 damit begonnen, regelm\u00e4\u00dfig (ein oder zweimal pro Woche) ganze N\u00e4chte in Diskotheken mit Tanzen zu verbringen. Dort war ich dann nat\u00fcrlich auch immer die ganze Nacht Zigarettenrauch ausgesetzt. Die COPD-Problematik begann nach zwei Jahren regelm\u00e4\u00dfigen Passivrauchens in Diskotheken und endete kurz nach Ende des regelm\u00e4\u00dfigen Passivrauchens. Ich pers\u00f6nlich sehe da einen ganz klaren Zusammenhang.<\/p>\n<h2>Abw\u00e4gung von Rechten<\/h2>\n<p>Ganz abgesehen von diesem besonderen gesundheitlichen Aspekt k\u00f6nnte ich mir heute auch generell nicht mehr vorstellen, mich freiwillig eine ganze Nacht in einem verrauchten Raum aufzuhalten. Es f\u00e4llt mir auch schwer, mir vorzustellen, wie ich das fr\u00fcher \u00fcberhaupt ausgehalten habe.<\/p>\n<p>Die Antwort auf diese Frage ist aber klar: Die Teilnahme an solchen gesellschaftlichen Ereignissen (in meinem Fall Clubkultur) hat mir ganz besonders viel gegeben: Die M\u00f6glichkeit, andere Menschen zu treffen und sich sozial auszutauschen, die berauschende Musik, die Gl\u00fcckshormon aussch\u00fcttende Dauerbewegung beim Tanz, das Gemeinschaftsgef\u00fchl beim Bewegen in der anonymen Masse, aber auch das Erg\u00f6tzen an den Tanzbewegungen anderer und der Stolz, wenn man merkt, wie einen andere beim Tanzen beobachten.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte nun sagen: Das ist eine Frage der Freiheit: Der\u00a0 Wirt und die G\u00e4ste machen das unter sich aus. Wenn die meisten G\u00e4ste rauchen m\u00f6chten oder nichts dagegen haben, muss derjenige, der Probleme mit dem Rauch hat, eben f\u00fcr sich entscheiden, was f\u00fcr ihn wichtiger: Bei dem Event dabei sein oder nicht einger\u00e4uchert zu werden. Jemanden vor diese Wahl zu stellen, ist aber extrem unfair.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach hat jeder das Recht auf die M\u00f6glichkeit zur Teilhabe am kulturellen Leben. Um dies sicherzustellen, gibt es z.B. auch Verpflichtungen, Zugangsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Behinderte zu schaffen. Eine rauchfreie Umgebung stellt f\u00fcr sehr viele Menschen genauso eine Zugangsvoraussetzung dar wie die Rampe f\u00fcr den Rollstuhlfahrer. So jemanden dazu zu zwingen, sich trotz seiner gesundheitlichen Situation einer verrauchten Umgebung auszusetzen, wenn er am kulturellen Leben teilhaben m\u00f6chte, ist f\u00fcr mich nicht vertretbar.<\/p>\n<h2>Der Markt regelt das?<\/h2>\n<p>Wieso\u00a0 regelt dies der Markt nicht? Wieso schafft der Markt nicht ausreichende Angebote an rauchfreien Kneipen und Diskotheken, wenn sich doch eine Mehrheit der G\u00e4ste lieber in einer rauchfreien Umgebung aufh\u00e4lt?<\/p>\n<p>Ich gehe hier mal nicht n\u00e4her auf Kneipen ein, sondern nur auf Diskotheken, da ich da eben pers\u00f6nliche Erfahrungen habe. Bei Restaurants hatten sich entsprechende Angebote (Nichtraucherzonen) schon vor entsprechenden gesetzlichen Regelungen etabliert.<\/p>\n<p>Ein Grund, warum dies bei Diskotheken nicht klappte, liegt sicher darin, dass der Markt sehr fragmentiert ist und zwar nach Musikrichtungen bzw. Szene, die sich in der Disko aufh\u00e4lt. Ein Gast sucht sich eine Diskothek nicht danach aus, ob dort geraucht wird oder nicht, sondern wie ihm die Musik gef\u00e4llt und wie er mit den anderen G\u00e4sten dort auskommt. Was n\u00fctzt mir eine rauchfreie Diskothek, in der House gespielt wird, wenn ich mit der Musik absolut nichts anfangen kann?<\/p>\n<p>Diskothekenbetreiber haben hier Quasi-Monopole, da es in einer bestimmten Gegend selten mehr als ein oder zwei Clubs gibt, die am gleichen Abend denselben Musikstil bieten. Wieso sollte so ein Monopolist auf die Bed\u00fcrfnisse von Nichtrauchern R\u00fccksicht nehmen, wenn diese ja trotzdem kommen (Was sollen sie auch sonst machen?) und man mit dem Verkauf von Zigaretten und der Werbung der Tabakkonzerne in der Diskothek gutes Geld verdienen kann?<\/p>\n<h2>Vorbild Bayern?<\/h2>\n<p>Das besonders strenge Rauchverbot, das in Bayern durch die Volksabstimmung beschlossen wurde, l\u00f6st einige Probleme, die es vorher gab. Es geht in einigen Punkten aber selbst in meinen Augen zu weit.<\/p>\n<p>Die Bed\u00fcrfnisse von Angestellten wurden bisher bei der Ausgestaltung von Rauchverboten in den Bundesl\u00e4ndern nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt. In vielen Bundesl\u00e4ndern gelten Rauchverbote nicht \u00fcberall dort, wo Angestellte arbeiten. Diese k\u00f6nnen sich ja aber noch viel weniger als der Gast aussuchen, ob sie sich dem Rauch aussetzen m\u00f6chten oder nicht. Nach der neuen Regelung in Bayern ist das Rauchen nun garantiert \u00fcberall verboten, wo Angestellte arbeiten.<\/p>\n<p>Das bisherige Rauchverbot sah\u00a0 Ausnahmen f\u00fcr Festzelte vor. Als Festzelte gelten dabei nicht nur tats\u00e4chliche Zelte, sondern auch Hallen, die f\u00fcr kurze Zeit f\u00fcr Veranstaltungen verwendet werden. Neben den Angestellten, die dort arbeiten m\u00fcssen, ist dies vor allem problematisch, da bei solchen Veranstaltungen teilweise auch Kinder zugelassen sind. Ich kann mich noch gut an regelm\u00e4\u00dfige Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern oder sonstige Feiern lokaler Vereine in meiner Kindheit erinnern, zu denen mich meine Eltern mitgenommen haben. Die Hallen waren immer extrem verraucht. Wenn bei der Weihnachtsfeier des SPD-Ortsvereins oder des Sportvereins der Nikolaus kam und die Kinder beschenkte, standen diese auf der B\u00fchne immer in eine Wolke Tabakrauch geh\u00fcllt.<\/p>\n<p>Das neue Rauchverbot in Bayern sieht keine Ausnahmen f\u00fcr reine Rauchernebenr\u00e4ume vor, die als separate Nebenzimmer keinem anderen Zweck dienen und wo es auch keine Bewirtung gibt. In einigen der Clubs, in denen ich \u00f6fter verkehre, gibt es solche separaten Raucherr\u00e4ume, und weder Angestellte noch andere G\u00e4ste werden dadurch Tabakrauch ausgesetzt. Ich sehe keinen vern\u00fcnftigen Grund, diese M\u00f6glichkeit auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgrund des Volksentscheids am Wochenende in Bayern wird das Thema \u201eRauchverbote\u201c auch in der restlichen Republik wieder heftig diskutiert. 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