Open in Public Day

Teaser: Am Ende des Beitrags gibt es einen Link zu einem 100 MB großen Archiv mit über 4000 privater Fotos.

Die Spackeria ruft heute am 28.1. den Open in Public Day aus. Um sich zu beteiligen, soll man peinliche Fotos von sich veröffentlichen, an erster Stelle wird wieder das berühmte Saufbild benannt, das auch Datenschützer gerne nennen, wenn über Privatsphäre und soziale Netzwerke gestritten wird.

Sauffotos

In meinen Augen ist das Veröffentlichen eines Sauffotos aber keine wirkliche Beeinträchtigung der eigenen Privatsphäre, erst recht kein mutiger Schritt. Alkoholkonsum, auch zeitweiser exzessiver Alkoholkonsum junger Menschen zu besonderen Anlässen ist nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern wird gesellschaftlich fast schon erwartet. In meiner Oberstufenzeit waren es die uncoolen Außenseiter, die erst gar nicht zu Partys gingen oder dort dann keinen Alkohol tranken. Jede Stadt und jedes Dorf kennt seine Volksfeste, Kirmes, Weihnachtsfeiern und so weiter, die fester Bestandteil des kulturellen Lebens sind, bei denen Trunkenheit dazu gehört und wo alle Honoratioren samt Familie zwangsweise anwesend sein müssen. Ich glaube also nicht, dass es viele Fälle gibt, in denen jemand wegen eines Sauffotos nicht eingestellt würde (solange er es nicht direkt auf die Bewerbung klebt).

Viele der veröffentlichten Fotos zeigen “peinliche Situationen”, die bewusst herbeigeführt werden. Jemand tut etwas lustiges, steht mit seltsamen Kleidern auf einer Bühne, usw…

Das sind alles keine Offenbarungen. Bewusst herbeigeführte Ausnahmesituationen können kaum jemanden schocken, solange man dabei im Rahmen dessen bleibt, was gesellschaftlich akzeptiert ist. Sich in der Freizeit mal so richtig zu besaufen, sich mit lustigen Kleidern auf eine Karnevalsbühne zu stellen, usw, das sind alles akzeptierte Dinge. Um wirklich anzuecken, müsste man sich von diesem geplanten Ausscheren aus dem Alltagstrott in eine der beiden davon abweichenden Extremrichtungen bewegen:

Das Banale schockiert

Die eine Variante ist natürlich, Dinge zu zeigen, die gesellschaftlich nicht akzeptiert sind. Das soll aber nicht hier Thema sein. Denn das andere Extrem kann genauso wirken: Die schonungslose Darstellung des privaten Alltäglichen.

Ein Besoffener auf einer Party – it’s not big deal. Aber wie unangenehm und akzeptabel wäre es, jemanden zu zeigen, der jeden Abend alleine zuhause vor dem Fernseher sitzt, vier Bier trinkt und dann einsam ins Bett wankt, um am nächsten Tag wieder aufzustehen, als wäre nichts passiert?

Ist das Alltägliche nicht viel anstößiger als das Besondere? Wenn in Filmen jemand in der Nase popelt, dann ist das so gemacht, dass wir als Zuschauer sehen, dass es gespielt ist. Der Finger wandert nicht ins Nasenloch. Schauspieler spielen ohne Probleme authentisch wirkende Sex-Szenen, Computertricks zeigen uns realistische Eingeweide, wenn bei Saw die Kreissäge in den Unterkörper fährt, aber Nasepopeln ist immer nur sichtbar angedeutet.

Tatsächlich gibt es einen Teil der Privatsphäre, der nicht die Person vor der Öffentlichkeit schützt, sondern die Öffentlichkeit vor der Person. Jeder weiß, dass fast jeder andere in der Nase popelt, sich selbstbefriedigt, furzt, zuhause im labrigen löchrigen T-Shirt herum sitzt, an allen möglichen und unmöglichen Stellen behaart ist, usw. Die Öffentlichkeit fühlt sich davon belästigt. Dieser Teil der Privatsphäre wird in der Diskussion um Datenschutz, Internet und Öffentlichkeit bisher leider kaum angesprochen. Inwieweit hat die Öffentlichkeit ein “Recht”, nicht von privaten Dingen einzelner Personen belästigt zu werden? Und in wie weit steckt dieser Gedanke zumindest teilweise auch hinter dem Interesse konservativer Kreise an einer Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem?

Eine Anekdote zur Illustration: In meinem Elternhaus wacht meine Mutter streng darüber, dass abends, wenn es dunkel wird, die Rollläden im Badezimmer geschlossen werden. Es ist verboten, sich bei angeschalteter Lampe im Badezimmer aufzuhalten und nicht sofort die Rollläden zu schließen. Es ist nicht so, dass von außen jemand etwas sehen könnte. Das Bad hat Vorhänge und alle anderen Häuser sind weit genug entfernt, so dass man Sicherheit keine klaren Umrisse erkennen kann, wenn man von außen schaut. Die Interessanten Dinge spielen sich ja auch nicht direkt am Fenster ab, sondern weiter davon entfernt. Darauf angesprochen, räumte meine Mutter das alles auch ganz offen ein, aber -erklärte sie- wer von außen das Licht sieht und weiß, dass das Fenster zum Badezimmer gehört, weiß dass gerade jemand das Badezimmer benutzt. Und das, so erklärte sie weiter, gehört sich nicht, weil die Person sich dann ja ausdenken könnte, was da vielleicht gerade vor sich geht, dass da nämlich dann in dem Raum Personen gerade nackt herumlaufen. Das Entscheidende: Nach dieser Denkweise ist nicht die Person im Badezimmer das Opfer, sondern die Person außerhalb, die quasi dazu gezwungen wird, anzunehmen, eine ihr bekannte Person ist gerade in dem Moment nur wenige Meter entfernt nackt.

Mein Webcamarchiv

Also: Mutig ist durchaus das Gewöhnliche zu veröffentlichen. Das tue ich mit einer Sammlung von über 4000 Bildern meiner Webcam. (Bilder alle unter CC-0, soweit keine anderen Personen darin sichtbar sind)

Entstanden sind diese zwischen 2001 und 2008. In diesem Zeitraum zeigte ich ein Live-Bild meiner Webcam, das automatisch alle paar Minuten aktualisiert wurde, wenn mein Computer lief (und die Webcam nicht von Hand deaktiviert).

Die zum Upload verwendete Software löschte alte Fotos automatisch. Ich habe nur ab und an mal eine Kopie angelegt, deswegen sind nur wenige Zeiten abgedeckt. Von Hand abgeschaltet habe ich die Cam üblicherweise, wenn ich Besuch hatte, wenn ich Dinge tat, die man ohne Altersprüfung nicht öffentlich zeigen darf oder wenn ich wollte, dass ich gegenüber Bekannten mit Internetzugang als “offline” erscheine.

Hier kommt dann auch die Informationelle Selbstbestimmung ins Spiel. Ich war und bin sehr froh darüber, jederzeit die Kontrolle darüber zu haben, was öffentlich gesehen wird und was nicht. Deswegen fühlte ich mich durch die Webcam auch nicht eingeschränkt. Ich wusste, dass ich sie jederzeit deaktivieren kann, wenn ich das möchte. Menschen brauchen diese Freiräume, davon bin ich fest überzeugt.

Das eigentliche Themenkomplex “Kontrollverlust / Post Privacy” ist mit dieser ganzen Diskussion deswegen auch gar nicht berührt. Ebenso die Frage, wie weit es gerechtfertigt ist, dass Datenschutz andere Freiheiten einschränkt.

5 thoughts on “Open in Public Day

  1. Wow, Skandal! Du veröffentlichst tausende Bilder von dir, die du veröffentlichen würdest bzw sowieso schon mal veröffentlicht wurden weil ja eh nix peinliches dabei ist weil du bei Dingen die peinlich sein könnten bzw die du nicht veröffentlichst sehn willst die Cam abgeschaltet hattest. Das nenn ich mal konsequent umgesetztes post-privacy. NICHT.

  2. @P2063

    Dann schau dir die Bilder mal an. 🙂

    Außerdem sage ich ja am Ende, dass das mit der Post Privacy Diskussion wenig zu tun hat.

  3. Ach, und das banale schockiert mich eigentlich nicht. Es gibt aber Dinge, die will ich einfach nicht wissen. Darum lade ich mir auch dieses Bilderpaket nicht herunter. Es interessiert mich einfach nicht, niemand kann mich zwingen es mir anzusehn.

  4. Mein Nachbar hat sein Recht auf Privatsphäre auch deswegen, damit ich mir nicht ansehen muss, wie dreckig es ihm geht 🙂

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